Europa | Europe etc. - Part 42

posted by PP on 2007/06/15 09:52

[ Europa | Europe etc. ]

Auch schon wieder 48 Stunden her, aber dafür deutlich mehr auf die Waage bringend als das Netz es gewohnt ist: Wim Wenders, durchaus rechtens hoch reputierter Filmemacher, hielt eine Rede im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Europa-Diskurse" der zivilgesellschaftlichen Initiative "Europa eine Seele geben". Unter dem Titel Das Bild von Europa zwischen den Zeilen ist die leicht gekürzte, ausgesprochen kluge Rede nun in der Frankfurter Rundschau erschienen.
Der oben genannten Initiative und der Frage nach der "europäischen Seelen"-Landschaft nachforschend, meint Wenders u.a.:
Das Digitale Kino, was auf uns zukommt, wird gerade für die Diversität unseres Europäischen Kinos Wunder tun und alle Regeln auf diesem Feld und in diesem Markt noch einmal umstürzen. Ich möchte mit Ihnen darüber nachdenken, was wir tun können, und wie uns vielleicht nicht nur Bilder helfen können, das beschädigte oder vernachlässigte Image Europas aufzupolieren. Weil ich als Filmemacher den größten Respekt vor den Erzählern habe (ohne die großen Mythen und Geschichten der Menschheit kein Kino!), weil ich außerdem nichts mehr liebe als die Musik und weil meine Filme in Städten spielen und von Orten handeln und ich nicht nur deswegen eine Verwandtschaft mit den Architekten sehe, die wie wir Strukturen schaffen mit den Bausteinen "Raum" und "Zeit", deswegen will ich einmal die Künste im allgemeinen in Anspruch und in die Verantwortung nehmen um Europa in seiner "Seelenfrage" zu Hilfe zu kommen. Denn was tun die Künste, was tut Kultur? Sie beseelt.

Dies, um am Schluss auch gleich einmal zu statuieren, dass die völlig unzureichende Einbindung von Kunst (abseits unsäglicher Sonntagsreden von der vorgeblichen Bedeutung) und die notorische Missachtung kultureller Bedingungsgefüge sich als ausgesprochen kopntraproduktiv erweist, will man den antieuropäischen backlash halbwegs in den Griff bekommen:

"Europa eine Seele geben" ist letzten Endes der falsche Spruch! Europas Seele ist alt! Sie will sich nur in neuen Bildern wiedererkennen. Sie will sich in all ihren Sprachen weitererzählen. Sie will sich in all ihren Klängen weitersingen. Sonst verkümmert und stirbt sie. Nach dem (wahrscheinlich notwendigen) Primat der Ökonomie in einer nun zu Ende gehenden Ära muß Europa jetzt wieder eine Utopie entwickeln! Dazu gehört sicher die Erhaltung sozialer Gerechtigkeit, die Wahrung von Frieden und Freiheit, der Respekt vor den Menschenrechten und der Kampf um die Gesundheit unseres kranken Planeten. Aber in dem nächsten Zeitalter kann all dies nicht wieder nur mit politischen und wirtschaftlichen Mitteln bewirkt werden. Um vor den Augen der Europäer selbst bestehen zu können, muss Europa sich nun über sein Ureigenstes definieren: die wunderbare, chaotische, einzigartige Vielfalt seiner Kultur!
(Ausgesprochen erfreulich auch, dass Wenders ungeachtet der vielen Möglichkeiten dazu, R. W. Fassbinders "Angst essen Seele auf" nicht bemüht, er sich dieses Mäntelchen nicht umhängt, sondern konsequent sein "Europa" zwischen und in die Zeilen bringt.




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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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