Bücher | Books - Part 113

posted by PP on 2007/03/19 08:55

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Die zuständigen Rezensionsredakteure von H-Soz-u-Kult denken, dass das Buch
Merridale, Catherine: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945. Übers. v. Hans Günther Hol. Frankfurt/M.: S. Fisacher 2006, 474 pp.
[ISBN 3-10-048450-9; EUR 22,90,-]
in verschiedene Richtungen hin gelesen werden kann. Sie haben deshalb zwei Rezensionen in Auftrag gegeben: eine aus der Perspektive der Osteuropahistorikerin (Beate Fieseler), eine aus der Perspektive des Militärhistorikers (Alexander Brakel).
Fieseler:
Diese beiden Aspekte, den Krieg und den Stalinismus, in ihrer Wirkung auf die einfachen Angehörigen der Roten Armee (übrigens nicht nur Männer, sondern auch Hunderttausende Frauen) zusammengebracht zu haben, ist das große Verdienst dieser gut lesbaren und vor allem für Nichtspezialisten empfehlenswerten Monographie. Auch wenn man nicht allen Schlussfolgerungen und Generalisierungen Merridales zustimmen mag, die sich mitunter nur auf ein einziges Dokument als Beleg stützen, gelingt es ihr in überzeugender Weise, den abgedroschenen offiziellen Mythen, die sich insbesondere unter Veteranen bis heute großer Popularität erfreuen, sechzig Jahre nach Kriegsende ihre "wahren Kriegsgeschichten" (S. 17) entgegenzustellen. [...]
Doch um akribische Belege für jede Einzelaussage geht es Merridale gar nicht. Ihre Stärke ist die konsequente Konzentration auf die Kriegserfahrung und die darauf gründende Mentalität der Veteranen, die sie zu einer elegant geschriebenen großen imaginativen Erzählung zusammenfügt – ein Genre, das naturgemäß ein breites Publikum anspricht, derzeit aber eher von britischen als von deutschen Historikern gepflegt wird.

Brakel:

"Iwan" - dieser Name steht so stellvertretend für den einfach Rotarmisten wie "Fritz" für den Soldaten der Wehrmacht und "Tommy" für den der Royal Army. Ihm ein Gesicht zu geben ist das Anliegen des vorliegenden Buches. Auf Basis von Zeitzeugeninterviews, Erinnerungsliteratur, Feldpostbriefen und sowjetischen Archivalien, die erst seit der politischen Wende 1991 der Forschung zugänglich sind, hat die englische Historikerin Catherine Merridale ein facettenreiches Bild von Alltag und Kriegserfahrung des kleinen Mannes auf sowjetischer Seite gezeichnet. Anders als der Titel es suggeriert liegt dabei zwar der Schwerpunkt auf den Angehörigen der Roten Armee, aber auch sowjetische Zivilisten kommen zu Wort.
Während auch in der postsowjetischen Historiographie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, das Bild der "ruhmreichen Roten Armee" vorherrschend ist und der Rotarmist in zahllosen Denkmälern als furchloser Heroe gefeiert wird, sieht bei Merridale vieles ganz anders aus. Die Rote Armee wirkt weniger ruhmreich als unprofessionell, der einfache Soldat in erster Linie elend. [...]
Unbeantwortet dagegen bleibt die Frage, wie eine Armee, die sich in einem solchen Zustand befand, den Krieg gewinnen konnte. Denn Merridales Ausschnitt bleibt fast immer auf den einfachen Soldaten begrenzt, und dort wo sie diesen verlässt, fehlt ihr die Fachkenntnis. So bleiben strategische und operative Überlegungen vollkommen außen vor. Der Leser erfährt zwar, dass enorm viele Rotarmisten im Krieg gegen das Deutsche Reich ihr Leben lassen mussten. Unklar bleibt hingegen, ob es sich dabei jedoch nur um eine Folge von Zynismus, Indifferenz oder Unfähigkeit handelte oder ob die hohen Verluste unvermeidlich waren, weil die Rotarmisten strategisch wichtige Punkte gegen die deutschen Angreifer verteidigen oder von ihnen zurückerobern mussten. [...] Die Frage, ob "Iwans" Opfer sinnlos war, kann Merridale ebenso wenig beantworten, wie ihre Protagonisten in den Jahren 1941 bis 1945 es konnten. Denn deren Perspektive nimmt die britische Historikerin ein. Das macht die große Stärke und Originalität dieses Buches aus. Gleichzeitig zeigt die unnötige Beschränkung auf diesen Ansatz auch dessen Grenzen.


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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