Balkan | -s - Part 60

posted by PP on 2006/12/20 10:53

[ Balkan | -s ]

Einer H|Soz|u|Kult-Rezension von Dariusz Kolodziejczyk (Historisches Institut der Universität Warschau) zufolge bietet

Markus Koller: Bosnien an der Schwelle zur Neuzeit. Eine Kulturgeschichte der Gewalt (1747-1798). München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2004 (Süddosteuropäische Arbeiten 121), 244 pp.
[ISBN 3486576399; EUR 44,80,-]

eine alternative Perspektive zu marxistischen oder nationalistischen Interpretationen von Gewalt. Und: "Seine Quellenbasis besteht aus Kadiamtsregistern verschiedener Städte Bosniens und Herzegovinas, die in den Archiven und Bibliotheken Sarajevos und Mostars erhalten sind, sowie meist gedruckten lokalen Chroniken (muslimischen und christlichen), Reiseberichten sowie schließlich verschiedenen Sammlungen von Volksliedern und mündlicher Epik."
 

Die traditionelle Periodisierung osmanischer Geschichte zwischen einem "Rise" und einem "Decline", der einigen Autoren zufolge schon 1571 oder 1606, nach anderen erst 1683 oder 1699 einsetzte, wird heutzutage als "orientalistisch", statisch oder einfach als falsch angesehen. Es scheint aber unbestritten, dass zwischen dem späteren 17. Jahrhundert und dem früheren 19. Jahrhundert die Osmanen eine schwere militärische, legitimatorische und – besonders nach 1780 – monetäre Krise erlitten. Koller nutzt eine Periodisierung, die schon von Suraiya Faroqhi vorgeschlagen wurde und die osmanische Geschichte in vier Stadien einteilt: 1) expansionistische Phase bis 1575; 2) Zeit der Krisen und Stabilisierungen bis 1768; 3) neuerliche Krise bis etwa 1830; 4) Kontraktion bis 1918. Zwar endet das Buch mit dem Jahr 1798, das oft als Beginn der Neuzeit in der islamischen Welt angesehen wurde. Dabei liess der Verfasser aber ein anderes, symbolisches Datum nicht aus den Augen, nämlich die im Jahre 1831 erstmals erhobene Forderung nach einer Autonomie Bosniens innerhalb des Osmanischen Reiches.
Kollers Buch bietet mehrere komparative Beispiele, besonders aus dem Gebiet Syriens, an. Wie in Bosnien, bestand in Syrien der überwiegende Teil der Bevölkerung aus nichttürkischen Muslimen; auch dort spielten die Janitscharen eine grosse Rolle in der Provinzverwaltung und im Gesellschaftsleben der grösseren Städte. Diese Rolle wurde schon von mehreren Forschern beschrieben. Solche Beispiele lassen uns allgemeine Probleme der osmanischen Gesellschaft und Staatsstruktur besser erfassen. Das grösste komparative Potential des Buches scheint mir aber woanders zu liegen, im Vergleich nämlich zwischen Bosnien und Serbien. Vielleicht werden wir aber erst dann fähig sein, das dort herrschende "Gewaltsklima" besser zu verstehen, wenn wir die soziale Dynamik in beiden balkanischen Provinzen besser kennen und die Rolle eines christlichen âyan (Notabeln) wie Kara Djordje im Prozess der Dezentralisierung des Osmanischen Reiches näher betrachten. Um nur ein Beispiel aus einem ganz anderen Kontext anzuführen, zeigen die Studien von Christopher Browning und Jan Tomasz Gross, wie im "Gewaltklima" der Nazi-Okkupation Polens "normale" deutsche Städter zu Kriegsverbrechern wurden und "normale" polnische Bauern ihre jüdische Nachbarn ermordeten.
Das Buch von Markus Koller, mit seiner anthropologischen Perspektive, weist in jedem Fall den Weg zu einer neuen Synthese der Geschichte des Balkan, die man eben auch ohne nationalistische Brille schreiben kann.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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