Erinnerung | Memory - Part 60

posted by PP on 2006/09/27 10:01

[ Erinnerung | Memory ]

Die Berliner Ausstellung Flucht, Vertreibung, Integration (Deutsches Historisches Museum) hatte für heftige Reaktionen gesorgt, v.a. die inzwischen in ihre diversen Einzelteile verfallende polnische Regierung war nicht wirklich willens, Aussagen und Konzeption der Schau zu akzeptieren.
Karin Pohl berichtet nun auf H|Soz|u|Kult von einem vor diesem Hintergrund organisierten und Vertriebene in den deutschen Ländern nach 1945 betitelten ExpertInnentreffen zum Thema der Ausstellung (11./12.07.2006), wobei die Eingliederung der deutschstämmigen Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg in West- und Ostdeutschland im Mittelpunkt der Beiträge und Diskussionen stand.
Die Berliner Integrations-Tagung hat einmal mehr die unterschiedlichen, teils disparaten regionalspezifischen Integrationsprozesse vor Augen geführt und damit die Notwendigkeit einer Synthese der Forschungsergebnisse offenbart. Um einen stringenten Überblick über diesen Bereich der nachkriegsdeutschen Sozialgeschichte zu erhalten, wäre es daher wünschenswert, die mannigfaltigen landes- und lokalgeschichtlichen Forschungsergebnisse in eine bilanzierende Gesamtdarstellung zu überführen und darin auch die kleinteiligen Facetten zu bündeln, die "die" Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge in Nachkriegsdeutschland letztlich hervorbrachten und ermöglichten.
In Bezug auf eine künftige Vertriebenen- bzw. Integrationsforschung wurden von den Referenten zahlreiche innovative Vorschläge gemacht. Dabei lässt sich eine gewisse Schwerpunktverlagerung erkennen. Standen in der Vergangenheit vor allem die administrativen und strukturellen Rahmenbedingungen des Integrationsprozesses in den Aufnahmeländern und -regionen im Vordergrund, so sollte der Blick nun vermehrt auf die Vertriebenen selbst gelenkt werden: Die Frage nach den Handlungsspielräumen zur Gestaltung eines selbstbestimmten Neubeginns, individuelle Erfahrungen der Vertriebenen und die kollektive Erinnerungskultur ihrer Verbände sollten ebenso einbezogen werden wie geschlechterspezifische und lebensgeschichtliche Erfahrungen. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Tagung ist nach Meinung der Rezensentin dabei die räumliche und zeitliche Erweiterung der Integrationsforschung, die nicht nur die nachkriegszeitlichen Entwicklungen in den Ankunftsregionen berücksichtigt, sondern auch die Geschichte der Ursprungsländer einbezieht und dem Thema so die ihm eigentlich innewohnende europäische Dimension zurückverleiht. Auf diese Weise entstünde auch ein sehr viel plastischeres, historisch abgerundetes Bild von "den" Vertriebenen: Diese erschienen dann nicht mehr nur "Opfer" der Nachkriegsbeschlüsse, sondern könnten in ihrer jeweiligen Rolle in den verschiedenen Herkunftsländern betrachtet und gewürdigt werden. Von einer entsprechenden perspektivischen Erweiterung und historischen Kontextualisierung der Vertriebenenthematik sind außerdem erhellende Erkenntnisse zu erwarten, die sich auch auf die in diesem Punkt verhärtete Beziehung zu den östlichen Nachbarstaaten positiv auswirken könnten. Die Kritik, besonders Polens, setzt am Plan des Bundes der Vertriebenen (BdV) an, in Berlin ein "Zentrum gegen Vertreibungen" (ZgV) zu schaffen. Dem zentralen Punkt der Kritiker ist zuzustimmen: Eine vornehmlich nationale Perspektive, die die historischen Zusammenhänge dieses komplexen Themas nicht angemessen berücksichtigt, greift zu kurz. Denn 'Flucht, Vertreibung und Integration' haben eine Vorgeschichte, die unmittelbar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zusammenhängt; es gilt daher, diesen Zusammenhang zweifelsfrei deutlich zu machen und Verantwortung klar zu benennen. Darüber hinaus sollte außerdem die teils sehr viel weiter zurückreichende Geschichte der Deutschstämmigen in ihren einstigen osteuropäischen Heimatländern einbezogen werden. Und in diesem Bereich – auch das hat die Tagung gezeigt – besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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