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posted by PP on 2006/03/19 15:32

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Hans Mommsens Aufruf Rettet die Geschichte! (im Rheinischen Merkur) verdient dringlichst Beachtung als eine jener Stimmen, die vor der - auch in Österreich um sich greifenden - Sucht, ein "Exzellenzzentrum" (das Wort "Elite" tunlichst zu vermeiden um nur ja niemand zu wecken hat sich inzwischen eingebürgert) nach dem anderen hochzuziehen, je neue und für die Mitansiedlung von Industrien tolle Forschungsagglomerationen zu initiieren warnen - solange die
Grundversorgung der Bibliotheken und übrigen wissenschaftlichen Einrichtungen nicht mehr hinreichend gesichert ist und durch Drittmittelzuwendungen nicht kontinuierlich gewährleistet werden kann.
Jedenfalls im Bereich der Geschichtswissenschaft scheint es angebracht, diese Fehlentwicklung zu begrenzen. Dabei ist auch zu beachten, dass die sich gegenwärtig vollziehende Umschichtung der Ausbildung durch die Schaffung von Bachelor- und Masterabschlüssen möglicherweise dazu führt, das die bisher für die geisteswissenschaftlichen und nicht zuletzt die Geschichtswissenschaft vorherrschende forschungsnahe Ausbildung verloren geht. Damit würden die bislang nach wie vor im internationalen Maßstab ungewöhnlich hohen Doktorandenzahlen einbrechen und damit der angestrebten Exzellenz der Boden entzogen werden.
Am Beispiel der Geschichtswissenschaft in Deutschland festgemacht - aber tatsächlich für die Probleme der Geistes- und Kulturwissenschaften insgesamt relevant - wird hier auf eine Tendenz verwiesen, die zwei große Probleme mit sich bringt: Einerseits eine forcierte Kapitalisierung (präziser: Lenkung von Kapitalströmen in Richtung) der Natur- und technischen Wissenschaften. Und es geht nicht nur um finanzielles Kapital, gerade die permanente Rede über die Notwendigkeiten dann aber wirklich richtig supriger Exzellenz bringt auch eine gesellschaftspolitische Lenkung mit sich. Doch bleiben wir beim finanziellen Aspekt und vergessen nicht:
Bedenkt man, dass von den Drittmitteln wenigstens zwei Drittel direkt oder indirekt über Steuern finanziert werden, während die Hochschulinstitutionen namentlich in den Geisteswissenschaften, vor allem im Hinblick auf die Universitätsbibliotheken, aber auch die Ausstattung mit Personal, nicht mehr ausreichend finanziert sind, stellt sich ernstlich die Frage, ob die deutsche Hochschulpolitik sich nicht auf einem Holzweg befindet [...]
Andererseits ist ein politischer Verzicht auf die Stärkung der gegebenen Qualitäten an den Universitäten und Akademien (konkret: es werden ja nicht tatsächlich mehr Mittel für Forschung und deren Lehre aufgewendet, sondern es kommt zu Umschichtungen mit den bekannten Einsparungsmöglichkeiten), die salopp formuliert eben nicht mehr "sexy" genug erscheinen, zu verzeichnen. das Motto scheint zu sein: Lieber kleine, feine Eliteinstrumentarien, die dann auch tatsächlich von den Industriellenvereinigungen und Großfirmen mit Aufträgen bedient werden und als deren erweiterte Forschungs- und Entwicklungslabors fungieren dürfen. Wofür die Steuerzahler aufkommen.

Es ist nicht zu leugnen, dass Europas Bildungs- und Wissenschaftslandschaften eine immer wesentlichere Rolle zukommt, sollen Lebensstandards gehalten bzw. ausgebaut werden können. Die Konzentration auf eine vorgebliche Wissenschafts-Spitze wie sie derzeit betrieben wird, ist jedoch gewiss nicht die Lösung der Probleme für Arbeitsmarkt und Sozialwesen. Und schon gar nicht sichert sie auch nur annähernd die Grundlagen dieser "Spitze", wenn sie denn eine solche ist.




Via netbib.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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