Tschechien | Czechia - Part 8

posted by PP on 2006/02/07 10:57

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Die Ausdifferenzierung des Sozialsystems Literatur in Prag (1760–1820) [.pdf] ist das Thema des nächsten Vortrags im Rahmen der Jour fixes der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (KKT). Michael Wögerbauer wird diesen am 13. Februar (15:00 c.t.) halten, im "Clubraum" im Erdgeschoss des Hauptgebäudes der ÖAW (Ignaz Seipel Platz 2; 1010 Wien).
Die Literatur- und Kulturgeschichte Böhmens 1760-1820 wurde bisher mit ganz wenigen Ausnahmen unter nationalen Gesichtspunkten entweder als "deutsche" oder als "tschechische" untersucht. Eine Analyse der großen "sudetendeutschen" und "tschechischen" Literaturgeschichten in ihrem Entstehungskontext zeigt aber, dass diese Rückprojektion des sprachlich-nationalen Paradigmas mit der Legitimierungsfunktion der historischen Wissenschaften in der "Konfliktgemeinschaft" (Jan Křen) zusammenhängt. Eine solche Aktualisierung des 18. Jahrhunderts in Böhmen ist spätestens seit dem Zusammenbruch des Kommunismus für die meisten Forscher fragwürdig geworden.
Es soll versucht werden, auf breiter Quellenbasis eine alternative Sichtweise vorzuschlagen. Ausgangspunkt ist dabei die gemeinsame strukturelle Basis des "literarischen Lebens" im 18.
Jahrhundert: universitärer Poetikunterricht, Zensur, Buchwesen, aber auch die Verbreiterung der Leserbasis, Modernisierung der Privatbibliotheken etc. sind für beide Literaturen vergleichbar. In
Anlehnung an S. J. Schmidts Konzept des "Sozialsystems Literatur" (1989) wird die Ausdifferenzierung der beteiligten Handlungsrollen analysiert: Literaturproduktion, Distribution, Rezeption und Weiterverarbeitung (Literaturkritik), aber auch staatliche Intervention. Die Untersuchung geht hypothetisch davon aus, dass sich in Prag parallel zur Modernisierung der Monarchie ein vielsprachiges Literatursystem herausbildet, das sich erst am Beginn des 19. Jahrhunderts schrittweise in monolinguale ("nationale"?) Systeme ausdifferenziert. So stünden die bisher essentialistisch interpretierten Konzepte einer deutschböhmischen bzw. tschechischen "Nationalliteratur" selbst erst am Ende einer Phase der Geschichte der neueren "vaterländischen Literatur(en)" in Böhmen.
Die ins 18. Jahrhundert rückprojizierten nationalen Kategorien in der Literarhistoriografie werden also als Teilergebnis des Prozesses konzipiert, den sie ursprünglich beschreiben sollten. Am Beispiel der "Ausdifferenzierung des Sozialsystems Literatur in Prag 1760-1820" soll so ein Vorschlag zur Literaturgeschichtsschreibung der neueren Literaturen in der Habsburger Monarchie gemacht werden.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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