Literatur | -e - Part 10

posted by PP on 2006/01/21 18:06

[ Literatur | -e ]

Michael Rohrwasser, auf dessen letztes Buch
Freuds Lektüren. Von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Gießen: Psychosozial-Verlag 2005, 404 pp.
hier verwiesen wurde, hat anlässlich des 150. Geburtstags von Sigmund Freud den Beitrag Faszinierende Störenfriede. Freud und die Literatur - Anmerkungen zu einem Wechselspiel im Standard veröffentlicht.
Aus dem Text:
Keine Frage: Freuds Psychoanalyse warf in den Jahrzehnten nach 1900 einen gewaltigen Schatten auf die Literatur, vielleicht nur noch übertroffen vom Einfluss der Psychoanalyse auf das neue Medium Film. Für eine Resonanzgeschichte lassen sich eine Fülle von Belegen bei Autoren wie Johannes R. Becher, Alfred Döblin, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Robert Musil, Arthur Schnitzler, Ernst Weiß, Arnold oder Stefan Zweig finden; selbst in Krimis der Zeit, etwa in Norbert Jacques' Doktor Mabuse, lassen sich die Spuren ausmachen. Auch in autobiografischen Dokumenten und Kulturgeschichten ist der Topos von dem epochalen Einfluss Freuds auf die Literatur verbreitet. Stefan Zweig gratulierte Freud zum 80. Geburtstag mit der Bemerkung, dass fast jeder bedeutende Roman der letzten zwanzig Jahre Spuren jener neuen Seelenkunde enthielte: "Dank Ihnen sehen wir vieles, - Dank Ihnen sagen wir vieles, was sonst nicht gesehen oder gesagt worden wäre . . . Ein Jahrzehnt noch oder zwei, dann wird man erkennen, wo der Zusammenhang war, der plötzlich Proust in Frankreich, Lawrence und Joyce in England, der einigen Deutschen eine andere psychologische Kühnheit gab. Es wird Ihr Name sein." Zweig stellt sich hier zwanglos an die Seite von Joyce und Proust - ein schönes Nebenprodukt des Lobliedes vom Einfluss. [...]
Die Wiener Autoren nahmen Freuds Ideen rasch wahr, aber sie blieben doch reserviert. Zwar gehörten Hofmannsthal wie Schnitzler zu den frühen Lesern der Traumdeutung, aber ein eindeutiges Bekenntnis zu Freud hat, vom frühen Karl Kraus abgesehen, aus dem Kreis der Wiener Dichter niemand gegeben (anders sieht es aus, wenn wir weiter nach vorn schauen, beispielsweise auf Expressionismus oder Surrealismus). Die Versuche von Lou Andreas-Salomé, zwischen Rilke und Freud eine Beziehung zu stiften, blieben ohne nachhaltigen Erfolg. Die Beziehungen zu Arnold und Stefan Zweig entwickelten sich erst in späteren Jahren; bei Schnitzler fand der Kontakt vor allem über gemeinsame Freunde statt. Vielleicht hat Walter Muschg Recht, der 1930 unterstrich, dass Freuds Werk sich im Rahmen einer Ausweitung des Literaturbegriffs in der literarischen Moderne orten ließe, mithin selbst als literarisches Phänomen verstanden werde könne: "In den Vorständen aller Vortragsgesellschaften richtet man sich gegenwärtig danach, daß beim Publikum andere als 'rein literarische' Themen in Gunst sind; man hat Beispiele, daß Paläontologen, Architekten, Entdeckungsreisende am sichersten eine Anziehungskraft ausüben, und ich meine, Freud ist der Prototyp dieser faszinierenden Störenfriede."




Weitere Standard-Beiträge zum Freud-Jahr finden sich u.a. hier. Zur Lektüre empfiehlt sich ein brauchbarer Espresso. Der gewiss nicht mit jenem Plastikklumpert sich erschaffen lässt, dass irgendwelche Hersteller als "Kaffeevollautomaten" bezeichnen, darauf setzend, dass die Kundschaft eh den Unterschied zu einer wirklich brauchbaren Maschine nicht merkt. In der Süddeutschen gibt es dazu einen Beitrag. Der auch Teekay (aka T.K. Vogel) freut. Die Espressotassen hoch auf die Emulsion! Statt wässrigen Lösungen. Und dann klappt es eben auch mit Freud.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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