Nachruf | obituary - Part 4

posted by PP on 2005/10/14 13:30

[ Nachruf | obituary ]

Wohl in der Nacht vom 12. auf den 13. (die Angaben schwanken) starb in Budapest der ungarische Essayist, Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer István Eörsi (1931-2005) im Alter von 74 Jahren. Mit einer der bedeutendsten Denker, Streitbaren, Intellektuellen des Landes hatte er sich mit so ziemlich allen angelegt - und oft hatte er damit vollkommen Recht.
 

Paul Lendvai hat im Standard online einen (fast überraschend) angemessenen Nachruf, "Das Gewissen Ungarns" verfasst und bietet deutlich mehr Informationen als der einschlägige deutschsprachige Eintrag auf der Wikipedia (zum nächsten Vergleich das ungarische Pendant). Aber alles nichts gegen die Site seines deutschen Verlags Suhrkamp, auf der immer noch zu lesen ist, dass er dzt. an einem autobiografischen Roman arbeite (hat wahrscheinlich irgendwas mit der legendären "Suhrkamp-Kultur" zu tun).
U.a. wird in Lendvais Nachruf der Landsmann George Tabori zitiert:

Er ist ein lächelnder Nein-Sager gegen jede Zensur, die auch die neumodischen Worte mit einschließt, 'politisch korrekt' genannt. Statt mit dem moralischen Zeigefinger zu drohen, steckt er ihn den Mächtigen in ihrer Zeit der verratenen Lieben, Glauben und Hoffnungen in ihre fetten Hintern.

Die Übersetzung lässt hier ein klein wenig aus, im Ungarischen geht das deftiger und eleganter, aber seis drum.

2003 hatte ich die Freude, einen Text von Eörsi, "Die Fallen der Ortsbestimmung", in einem Sammelband mit herausgeben zu können:

István Eörsi: Die Fallen der Ortsbestimmung. In: Kakanien revisited. Das Eigene und das Fremde (in) der österreichisch-ungarischen Monarchie. Tübingen: Francke 2002 (Kultur - Herrschaft - Differenz Bd. 1)

Zitat aus diesem Text (Ü: Edit Baranyai):

Jetzt stehen wir Mitteleuropäer hier mit unserer Östlichkeit im Gepäck. Seit der Wende bildete sich, oder bildet sich gerade, in einem Teil dieser Region, so auch in Ungarn, ein eurokonformes wirtschaftliches und politisches Modell heraus. Die auf dem Primat des Privateigentums basierende Marktwirtschaft (also Kapitalismus) versucht sich unter der Obhut des Institutionssystems der pluralistischen Demokratie innerhalb eines historisch überschaubaren Zeitraums an das westliche Niveau anzunähern. Die von der Östlichkeit nicht verwirrten Geister sind sich bei uns darüber im klaren, daß es zu dieser Bestrebung eine einzige reale Alternative gibt: sich auf das Niveau der 3. Welt zu begeben. Der Westen aber erwartet uns mit offenen Armen und zischt währenddessen: "Immer mit der Ruhe."[...]
Hier stehen wir also, bereit, um aufgenommen zu werden, doch mit konfusem Geist und konfuser Seele. Der Zusammenbruch des Einparteienstaates war nicht das Ergebnis einer Volksbewegung und auch nicht das eines bürgerlichen Aufstandes, sondern das Ergebnis eines Kompromisses. Und der Kompromiß, der heimische, ist die Folge eines weltpolitischen Kompromisses oder der Berechnung.[...] Die Freiheit zu erkämpfen verlangte also keine besonderen bürgerlichen Tugenden. Wir haben uns von einem integralen Teil unserer Östlichkeit befreit, von dem hierarchischen und monolithischen Institutionensystem und von einem Teil jener seelischen Fertigkeiten, die es seinen Untertanen abverlangte. Andererseits förderte das Verschwinden dieser sich auf ein linkes ideologisches Alibi stützenden Einparteiendiktatur die ideologischen Energien der Östlichkeit zutage: in erster Linie den revanchistischen Nationalismus, der jederzeit zu einem Konflikt mit unseren Nachbarn führen kann, und den Populismus, der alles für einen Feind der Ungarn hält, was nicht ungarisch ist - früher war es der als jüdisch beschimpfte Kommunismus (mit dem ein Ausgleich gefunden wurde), jetzt ist es der Kapitalismus, der als westliche Gefahr betrachtet und ebenfalls aus der jüdischen Geisteshaltung hergeleitet wird.[...]
Meines Erachtens sollten wir im Interesse unseres EU-Beitritts nicht dem bitteren Wissen entsagen, daß wir uns einer lebensfähigeren, mehr Rechte und Freiheiten zusichernden, im wesentlichen aber ebenso ungerechten Gesellschaft anschließen, deren größter Vorteil es ist, daß, wenn man in ihr lebt - und hier verweise ich auf einen Ausdruck Attila Józsefs -, die Qual gelindert werden kann. Dieses Wissen kann die seelische und gesellschaftliche Kontinuität sichern, ohne die sich das Individuum und die Gemeinschaft unter neuen Lebensbedingungen nicht wohlfühlen können.

Mit dem Tod Eörsis haben wir, ohne dass wir immer einer Meinung mit ihm sein konnten (aber auch nie mussten), einen dieser Wissenden verloren, einen, der die kritische Kontinuität wollte. Einen Weltbürger aus Ungarn.

 

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30570/eoersi.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
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Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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