Medien | Media - Part 11

posted by PP on 2005/07/04 15:01

[ Medien | Media ]

Wie kürzlich angekündigt einige fortsetzende Bemerkungen zu den Panoramen, deren Bedeutung - ob nun Rund- oder Guckkastenpanorama (letztere mit Stereoskopien arbeitend) für eine Geschichte der Wahrnehmungsentwicklung kaum unterschätzt werden kann. Hinzu kommt auch noch eine andere spannende Komponente, nämlich das Comeback dieser Einrichtungen zu einem Zeitpunkt, als sie medientechnisch und hinsichtlich Publikumszuspruch bestenfalls als antiquiert durchgehen konnten.
 

Foto und Dia galten zwar nach ihrer flächendeckenden Einführung schnell als dem gemalten Rundpanorama überlegen, eine punktgenauere Realitätsabbildung und die scheinbar präzis mögliche Wiedergabe angenommener (d.h. stillschweigend vorausgesetzter) Wirklichkeit schienen endlich erreicht. Doch noch während dieser Paradigmenwechsel im Gang ist und das Detail gegenüber der Gesamtheit (und dem Umstand, dass ein Rundpanorama gerade im 19. Jahrhundert eine Immersion mit sich brachte!) Geltung erlangt, wird die scheinbar unbestechliche Präzision durch eine weitere mediale Parallelaktion (denn, wie sich schon an diesen kleinen Beispielen zeigen lässt: Medien lösen sich nicht ab, es sei denn im Zuge ihrer je eigenen Weiterentwicklung, vielmehr bestehen Formen der Ko-Existenz, damit auch die Möglichkeit der Verschaltung ihrer je unterschiedlichen Bedingungen wie Materialitäten) in ihrem soeben erst erlangten Status konkurrenziert, obendrein mit einem scheinbaren Rückschritt: Der Film erzeugt wie das Panorama einen "Nicht-Blick". Sein unschlagbarer Vorteil, das Neue, besteht in der Bewegung, die Abläufe nähern sich auf noch nicht gekannte Weise dem Bekannten, dem Erkennbaren, an.

Während die Ideale der Wirklichkeitswiedergabe somit auf verschiedenen Wegen immer besser erfüllt zu werden schienen (z.B. auch via Stereoskopie, d.h. v.a. dem Guckkastenpanorama) gerieten jedenfalls unweigerlich die noch wenige Jahre zuvor so erfolgreichen Großbildpanoramen ins Hintertreffen - es sei denn, deren Funktion konnte an Bestehendes anknüpfen und in Richtung eines nationsstiftenden Sinnbildes bzw. einer identifikatorischen Entität gelenkt werden. Diese neue Eigenschaft war eine, die im Transport einer insinuierten Metaebene bestand; das Rundpanorama diente demgegenüber, wiewohl zunehmend veraltet, als Speicher einer verordneten kollektiven Erinnerungsleistung. Dabei stellt sich jedoch ein (im folgenden Zitat im Zusammenhang mit der Beschleunigung von Bildmedien stehendes, für unsere Fragestellung nichts desto trotz relevantes) Problem:

Das Sein der Dinge ist Speicherbarkeit und ihr Nichtsein Zerstörbarkeit. Die Technik ist der Ort, an dem sichtbar wird, daß sich Sein und Nichtsein gegenseitig heimsuchen. So wird der Blick denkbar als jenes zeitliche Dunkel, das ihn sehend macht. Doch sobald er unter eine Technik gerät, die diese Dunkelheit in einer Zäsur statuiert, muß eine Sehtechnik ihn dort anzutreffen suchen, wo er punktuell erschüttert und getilgt wird, um die Herrschaft über seine eigene Andersheit, über das, was er nicht ist, um Blick zu sein, zu übernehmen. Aber dort wartet nur ein neuerliches Verschwinden auf ihn; der Blick kann sich nicht selbst bestechen. [Iris Därmann: Noch einmal: 3/4 Sekunde, aber schnell]

Die stete Erneuerung eines derart künstlich initiierten Gedächtnisses sollte folglich einen Übergang zur fortwährenden Einübung in eine Ikonologie stiften, die von allen konsumiert und im Sinne der Identitätskonstruktion (nach)vollzogen werden konnte.

 

Ein Beispiel: Das ungarische Panorama in Ópusztaszer, 1895/96 für die Millenniumsausstellung von Árpád Feszty umgesetzt und ursprünglich für die Aufstellung im Budapester Stadtwäldchen konzipiert (ein anderes schönes Beispiel wäre etwa das Panorama von der Schlacht am Berg Isel, das zeitgleich in Innsbruck im Zuge der Landesausstellung zum Publikumsmagneten wird und ebenfalls noch erhalten ist), ist im angedeuteten Zusammenhang insofern beeindruckend, als hier mit der Landnahme nicht nur das nationsstiftende Ereignis der ungarischen Geschichte gezeigt wird; eine Relevanz, die auch der Spezialist für "Landtreter" und "Meerschäumer", Carl Schmitt, bemerkte:

Ich erwähne die Magyaren besonders, weil in Ungarn die Erinnerung an die Landnahme (895 n. Chr.) besonders stark und dort, zum Unterschied von anderen Ländern, auch das Wort für Landnahme honfoglalás lebendig geblieben ist.

Aus heutiger Sicht ist überdies auch der Umstand, 100 Jahre danach gleich ein ganzer nationaler Themenpark um das Panorama herum errichtet wurde, ein nicht unwesentlicher Indikator. Es handelt sich dabei um Verkettungen, um die Generierung eines neuen Lieu de mémoire.

Georg Schmid hat unter Bezugnahme auf Pierre Nora, in dessen Werk nebenbei bemerkt Bildmedien wie das Kino keine Rolle spielen, das Problem der Definition zu umreißen versucht:

Welche Bedingungen müssen also für die "Anteilnahme" an lieux des mémoires gegeben sein? Jenseits des Nationalen und der Zufälligkeit von Geburt sind der Psychoanalyse zugängliche Momente dezisiv, und zwar vermöge der Eingebundenheit des jeweiligen Individuums in Kollektive gemäß einer Art soziokulturaler Prädisposition. Die signifikanten Momente der lieux hängen also mit Erinnerungsspuren zusammen, die sich auf den Gesamtbereich eines generellen Kulturmusters projizieren; die globale Überzeugungskraft der daraus erwachsenden Geschichtsbilder hängt von der ökonomisch-symbolischen Macht der Hervorbringerkultur ab. [Cit. nach Vortrag am IFK/Tischvorlage aus 2002]

Hier stellen sich jedoch - so luzide die Beobachtung auch sein mag - mehrere Probleme erneut (u.a. weil sich diesen im Zusammenhang mit Pierre Nora kaum auskommen lässt), besser gesagt: ihre Komplexität erweist sich in einem anderen, womöglich schärfer justiertem Licht. Denn unvermittelt wird damit nicht nur die Frage nach Macht und Herrschaft reiteriert, sondern - auf einer weiteren Ebene - auch die nach der Materialität der Medien (wie sie etwa bei Borsó, Krumeich und Witte 2001 gestellt wird), d.h. nach den Bedingungen von Kommunikation und deren Konstruktionen. Folglich spielen Raum- und Zeitkriterien sowie damit zusammenhängende Fragen der sondierenden, auswählenden und letztlich ordnenden Wahrnehmung (des "Blicks") eine elementare Rolle. Es geht also um Aspekte der Abgrenzung, der Ordnung und Selektion, in weiterer Folge auch um Konstruktionen von Identität bzw. um Authentizitätsstiftung. Deren Beziehung zu faktischen Geschehnissen und Erlebnissen ist komplex und wird sowohl bei der Enkodierung wie beim Abruf kulturell, sozial und situativ kontextualisiert und in jedem Fall emotional bewertet.

 

 


Ja, da kommt noch mehr zu dem Thema.

 


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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