Open Content | Access - Part 52

posted by PP on 2006/09/15 09:54

[ Open Content | Access ]

Nach dem Hinweis auf Teil I nun jener auf Teil II von Ulrich Herbs Serie über den Entgeltfreien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen, diesmal: Journale, Impact Factor, radikale Monopole und Karrieren. Das Zitat

Genauso wenig, wie man sich dafür oder dagegen entscheiden kann zu trinken, um zu überleben, kann sich ein Wissenschaftler ernsthaft dafür oder dagegen entscheiden, in einem wichtigen Journal seines Fachs zu veröffentlichen.

mag eine Verkürzung der Sachlage andeuten (das wäre jedoch nur der Zitatenauswahl geschuldet), vielmehr ist jedoch gemeint: es lohnt sich die Lektüre des gesamten, mit Bourdieu startenden Textes.
 

Warum nutzen Wissenschaftler Open Access zögerlich, selbst wenn es keine rechtlichen Hindernisse gibt und er ihnen erhöhte Zitationszahlen und weite Verbreitung ihrer Ergebnisse sichert? Robert Kiley und Robert Terry vom Wellcome Trust (einer Fördereinrichtung für medizinische Forschung in Großbritannien) leiten diese Trägheit aus der Position der Wissenschaftler ab. [Robert Kiley und Robert Terry: Open access to the research literature: a funder's persptective. In: Neil Jacobs (Hrsg.): Open Access: Key Strategic, technical and economic Aspects - cf. untenstehende Abbildung!]

Und so kommt Herb eben auf Bourdieu zu sprechen:

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu unterscheidet drei Arten Kapital: ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Kulturelles Kapital besteht in Form von Bildung und von in Bildungsinstitutionen angeeignetem Wissen. Soziales Kapital bezeichnet Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und auf einem Netz von Beziehungen basieren. Generell hat das ökonomische Kapital eine dominierende Wirkung gegenüber den anderen Kapitalarten. Je nach gesellschaftlichem Feld kommen feldspezifische Kapitalarten hinzu, die die Dominanz des ökonomischen Kapitals brechen können. Ein Feld ist eine soziale Welt wie andere auch, sie gehorcht aber spezifischen sozialen Gesetzen. Im wissenschaftlichen Feld kommt zu den drei genannten Kapitalarten das wissenschaftliche Kapital hinzu. Dieses Kapital wird vor allem über das Publizieren in JIF [Journal Impact Factor; Anm.]-starken Journalen akkumuliert. Es ist das Ticket, das den Zugang zu Karrierechancen ermöglicht. Diese Abhängigkeit macht es schwierig, einen ausreichenden Anreiz zum Publizieren in Open-Access-Journalen zu erreichen: Sie existieren in aller Regel noch nicht lange genug, um mit einem JIF versehen worden zu sein. Nachwuchswissenschaftler werden daher alten Mustern folgend das Publizieren in konventionellen, fachlich anerkannten Journals anstreben.
Die Stellung des JIF als unantastbares Kriterium für die Qualität wissenschaftlicher Information muss allerdings relativiert werden. Der Wert des JIF ist symbolischer Art und beruht einzig auf der Anerkennung durch relevante Personen und Institutionen innerhalb des wissenschaftlichen Feldes. Die Publikationsliste ist einzig wegen dieser Anerkennung ein gültiger Tauschwert, dessen Zweck die Transformation in Zugangschancen ist. Außerdem ist die Bedeutung des JIF sozial konstruiert: Er dient als Regulationsmechanismus beim Zugang zu oder beim Vorenthalten von Chancen. Diese Chancen bezeichnen die Wahrscheinlichkeit, in den Genuss von Privilegien zu kommen, etwa in Form lukrativer Berufungen, Projektbewilligungen oder Gutachtertätigkeiten. Damit sind materielle Profite wie höheres Einkommen oder Gefälligkeiten aus nützlichen Beziehungen und symbolische Profite wie fachliche Anerkennung oder Mitgliedschaften in Gremien verbunden. Der JIF ist vor allem ein Regulationsmechanismus in der Verteilung von Privilegien.

 

 


 

Apropos Open Access: Creative Commons hat ja damit eine ganze Menge zu tun, insofern passt der Hinweis auf diesen Blog von netbib ganz gut.

 


 

 

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30459/Kiley_Terry.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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