Medien | Media - Part 36

posted by PP on 2006/03/18 03:39

[ Medien | Media ]

Wie histex [i.e. Mario Wimmer] meldet, hat nun in Deutschland sogar der Bundesgerichtshof in Karlsruhe eingreifen und ein Urteil in letzter Instanz sprechen müssen (das des Oberlandesgerichtes Harms aus 2004 ging also in die Berufung), um zu entscheiden, wem der wissenschaftliche Nachlass Niklas Luhmanns zusteht. Das besondere Interesse gilt dabei u.a. dessen Zettelkatalog.
Dazu einige Anmerkungen...
 

Dabei gibt es derzeit mindestens zwei Probleme: zum einen ist der materielle Zustand des Zettelkastens aus konservatorischer Sicht ein Desaster. Luhmann hatte sehr dünnes Papier verwendet, um Platz zu sparen. Die Zettel werden deshalb nicht auf einer Stange geführt. Folge ist, dass die Laden überquellen und einzelne Zettel in den Innenraum des Kastens fallen können. Zum anderen ist angeblich der Index, der die Zeichenketten aufschlüsselt, mit denen die einzelnen Zettel adressiert sind, beim Sohn. - Eine beinahe theoriefähige Konstellation.

Die Tochter bekommt also lt. Karlsruher Urteil den Katalog und einer der Söhne hat den Schlüssel dazu. Das Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld wird seine Freude daran haben.

Die Frage des Zettelkatalogs an sich und des adäquaten [.pdf] - zumindest: möglichen - Umgangs damit beschäftigt unsereinen ohnehin fortlaufend. Wie zuletzt ein bisschen näher ausgeführt unter Verweis auf Kittler, Hegel, Schmidt und andere (was nun nicht so unmittelbar in den Luhmann'schen Kontext der Systemtheorie hinüberreichen mag). Dazu kam nun die hier erwähnte bzw. verlinkte Rede von Jürgen Habermas anlässlich der Verleihung des Bruno Kreisky-Preises. U.a. stechen seine Anmerkungen betreffend "Subversives Internet" hervor:

Die Nutzung des Internet hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus. Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen klönnen. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.
Die Aussage, dass die elektronische Revolution die Bühne für die elitären Auftritte eitler Intellektueller zerstört, wäre allerdings vorschnell. Denn mit dem Fernsehen, das im wesentlichen innerhalb der nationalstaatlich etablierten Öffentlichkeiten operiert, hat sich der Bühnenraum der Presse, der Zeitschriften und der Literatur nur vergrößert. Gleichzeitig hat das Fernsehen die Bühne verwandelt. Es muss in Bildern zeigen, was es sagen will, und hat den iconic turn - die Wende vom Wort zum Bild - beschleunigt. Mit dieser relativen Abwertung verschieben sich auch die Gewichte zwischen zwei verschiedenen Funktionen der Öffentlichkeit.

 

Demzufolge und unter Berufung auf bereits Angerissenes (eine etwas wackelige Grundlage) ließe sich mit etwas Mut zum Kurzschluss andenken, dass wenn man etwa von Marcus Krajewski's Anmerkungen zu Hegels Anlegen von Verzeichnissen - Papier als Passion. Zur Intimität von Codierung [.pdf] (siehe auch diese Publikation) - und den erwähnten Kittler'schen Überlegungen zu Hegels Vorgangsweise mit seinen beiden Zettelkatalogen (der erste für das geordnete Exzerpieren aus den Quellen; der zweite für die daraus erfolgende Neuzusammenstellung der Grundlagen für das jeweils zu schreibende Werk - aus der Kombination dieser jeweiligen operativen Handlungen ergab sich die erstaunlich geringe Zitatdichte Hegels, insofern als er ein neues, sein, System zu schaffen vermochte) ausgeht, an den Anfang der von Habermas ausgeführten Periode des neuen und nunmehr möglichen Umgangs von Intellektuellen und der Öffentlichkeit (die Generation nach Hegel und Goethe) eine Konzentration der Quellen, des Gelesenen, der Nachweise zu einer neu eingeführten (einzuführenden) Form der Diskursivität zu setzen ist. Diese würde jedoch, mit Habermas gefolgert, genau zu ihrem eigenen Problem:

Wenn er [der Intellektuelle; Anm.] sich mit Argumenten in eine Debatte einmischt, muss er sich an ein Publikum wenden, das nicht aus Zuschauern besteht, sondern aus potentiellen Sprechern und Adressaten, die einander Rede und Antwort stehen können. Idealtypisch geht es um den Austausch von Gründen, nicht um die inszenierte Bündelung von Blicken.

 

Gut, JH geht es weniger um eine auf die Materialität von Medien und deren Eigengesetzlichkeiten bezogene Debatte. Und die angeführten Bezugspunkte mögen so nicht zwingend zusammenfinden. Dennoch ließen sich - bis auf Widerruf... - einige dieser Aspekte hinsichtlich einer Querschnittsbetrachtung der letzten 200 Jahre gewiss mit anführen.

Soviel als Zwischenanmerkung, kurz nochmals zurück zu Luhmann und dem Zettelkatalog, genauer: einigen Gedanken dazu. Der erwähnte Markus Krajewski hat sich bereits 1997 unter dem Titel Käptn Mnemo. Zur hypertextuellen Wissensspeicherung mit elektronischen Zettelkästen Gedanken gemacht. Sein Synapsen-Projekt geht bzw. ging in diese Richtung:

synapsen ist ein hypertextueller Zettelkasten, d.h. ein altbewährtes Speichermedium auf Basis einer elektronischen Literaturdatenbank, das Bibliographien zu verarbeiten erlaubt. Doch entgegen herkömmlicher Literaturverwaltungssoftware bietet synapsen einen entscheidenden Vorteil: anhand eingegebener Schlagworte vernetzt das Programm einzelne Zettel automatisch und stellt somit bisweilen vergessene, aber auch gänzlich ungeahnte Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den Einträgen her. synapsen ist daher nicht nur eine elektronische Literaturverwaltung, sondern vielmehr noch ein Schreibgehilfe beim Verfassen wissenschaftlicher Texte, der in ständiger Kommunikation mit dem Autor ebenso Argumentationen zu soufflieren in der Lage ist wie er beim Auffinden von Ideen Hilfe leistet.

So hat etwa Alexander Hartmann in seinem bLAWg jurabilis 2004 einige diesbezügliche Links aufgegriffen. Er verweist als Printquelle auch auf:

Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht. In: André Kieserling (Hrsg.): Universität als Milieu. Bielefeld: Haux 1993, p.53-61.

Neben dem erwähnten Luhmann-Eintrag der Wikipedia wäre auch auf den Eintrag zu Zettelkasten hinzuweisen. Die jeweils am Ende angeführten Links bieten je zweckdienliche Übersichten zum hier nur angedeuteten Problemkomplex. Und natürlich kommt da auch Sentimentalität (vulgo Ego-Retro) mit hinein, hat doch der Verfasser 1999 nicht zufällig den Katalog zu einer unumgänglichen Ausstellung im Standard wie folgt kurz rezensiert:

1998 wurde die Digitalisierung der Zettelkataloge der Österreichischen Nationalbibliothek abgeschlossen. Der Buchbestand kann seither nur mehr via Computer eingesehen werden. Eine diesbezügliche Verlustanzeige resultiert zum einen aus der in ungezählten Wochen der Bibliotheksrecherche begründeten Sentimentalität, zum anderen aus einer Form des taktilen Fetischismus. Doch die Argumente für die Ablöse des Zettelkatalogs durch elektronische Speichermedien betreffen Kosten, Raum, Zeit, Integration und Materialität (somit die wichtigsten Strukturprobleme heutiger Bibliotheken) - und "für eine auf Langsamkeit und Umwege beruhende Produktivität des Denkens" besteht derzeit scheinbar keine Nachfrage. Beinahe paradox mutet deshalb der mit viel Aufmerksamkeit für bibliophile Prätentionen von Hans Petschar, Ernst Strouhal und Heimo Zobernig herausgegebene Katalog zur MAK-Ausstellung an (Der Zettelkatalog. Ein historisches System geistiger Ordnung. Wien, New York: Springer 1999), in der die Zettelkästen und ihr Inhalt im wohlverdienten Mittelpunkt stehen. Der Katalog bietet in zahlreichen Abbildungen, mit Auszügen aus der Literatur, Beiträgen der Herausgeber, Hinweisen zur Genese früherer Katalogsysteme und einer Auswahl historischer Regelwerke eine Fülle von Details, in denen die Faszination, die dieses greifbare System auszuüben vermochte, noch einmal spürbar wird.

Übrigens: Der Untertitel zitiert aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, in dessen Verlauf "General Stumm in die Staatsbibliothek [ein]dringt und Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung [sammelt]". Das so überschrieben Kapitel aus dem Ersten Buch findet sich auch in besagtem Katalog abgedruckt.

 

 


 

Die Österreichische Nationalbibliothek hat ja inzwischen ihren Zettelkatalog praktisch aufgelöst. Dem erwähnten Ausstellungskatalog wurde je Exemplar eine Karte beigelegt. "Meine" hier in der Abbildung.

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30752/karteikarte.gif

 


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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