Copy and paste - Part 4

posted by PP on 2005/10/02 13:07

[ Copy and paste ]

Im Zuge der intensiven Diskussionen bei der Podiumsdiskussion zu NEUE MEDIEN auf der gestern beendeten ÖGG-Tagung in Opatija (1 [.pdf], 2, 3 Hinweise zum Programm) spielte natürlich auch das Thema Copy and paste eine Rolle, was mithalf, den angesetzten Zeitrahmen von 1 1/2 Stunden zwanglos zu sprengen...
Nach der Rückkehr nun die Durchsicht der diversen RSS-Feeds der letzten Tage. Darunter findet sich auch ein Verweis (auf netbib) zu einem weiteren Text von Stefan Weber (eine Vorgeschichte findet sich hier) für Telepolis, die titelgebende Fragestellung lautet:
Kommen nach den "science wars" die "reference wars"?

In der Netzeitung gibt es eine kurze Zusammenfassung dieses Weber-Beitrags zu lesen, ebenso die (erwartbaren) Reaktionen seitens der Wikipedia-Verantwortlichen.

Hauptkritikpunkt ist ja die mangelnde "Autorenreferenz", i.e. das fehlende Problembewusstsein für Quellen, Zitationen und die Wahrung von Rechten (übrigens einer der Punkte, der provokativ bei der oben genannten Tagung in seiner aus dem 18. Jahrhundert herrührenden Relevanz in Frage gestellt wurde). Das Argument gegen missbräuchliches bzw. schlichtweg fehlerhaftes Vorgehen im Zuge der Abfassung von Wikipedia-Artikeln (eine sehr lesenswerte Polemik von Paul Boutin, "Wikipedia is a real-life Hitchhiker's Guide: huge, nerdy, and imprecise", findet sich hier) trifft natürlich auf den Hinweis zu den NutzerInnen dieser Angebote (und damit eines der Grundprinzipien solcher Wikis): Gerade kritische LeserInnen wie der Medienwissenschafter Weber (oder der von ihm zitierte Kollege Löffelholz) - allgemeiner formuliert: die Scientific Community (was immer das nun sein mag) - würden dazu beitragen, dass solche Missstände erkannt und korrigiert werden können. Schön wäre es, doch Weber weist auf genau das Problem hin, das auch schon Paul Boutin erwähnt: Wie kommt man dazu, seine Zeit dafür aufzubringen, ständig Kontrollen durchzuführen und Korrekturen anzubringen:

Just because the Wikipedia elves will probably fix those errors by the time you read this article doesn't mean that the system is inherently self-healing. Not everyone who uses a wiki wants to hit from both sides of the plate. The subset of enthusiastic writers and editors is orders of magnitude smaller than the group of passive readers who'll never get around to contributing anything.
Bashing Wikipedia is nearly as risky as bashing Scientology. I know that I'm going to get barraged by the Wikivangelists—"If an entry's wrong," they'll say, "stop complaining about it and fix it." But if I were truly conscientious, I'd have to stop and edit something almost every time I use Wikipedia.
Der erwähnte Beitrag von Stefan Weber (cf. auch die Kommentare!) geht über ein bloßes Wiki-Bashing (Scientology als Abart der Scientific Community?) hinaus, weist er doch auch darauf hin, dass das, was er als "Copy, Shake & Paste-Methode" bezeichnet, einstweilen reichlich an Durchsetzungskraft gewann, bis zu 50 Prozent wissenschaftlicher Texte im Zuge ihrer Abfassung daraus zusätzliche Aufwertung erfahren.

Auch wenn diese Zahlen sehr hoch gegriffen scheinen (Bitte!), ist doch eine eindeutige Zunahme (eigene Schätzungen auf Basis von Seminararbeiten der letzten Jahre: +/- 30 Prozent entsprechend zu indizierender Fälle) derartiger Vorkommnisse zu registrieren und werden die erst langsam greifenden, wenn überhaupt an-/eingesetzten, Kontrollmechanismen und -techniken noch längere Zeit diesem Übelstand kaum Abhilfe schaffen können:

Fest zu stehen scheint: Geistiges Eigentum flottiert frei herum – und im Netzzeitalter mehr denn je. Zu diskutieren wird in diesem Zusammenhang auch die Frage sein, wie oft Internetprojekte, die vordergründig der Vernetzung von Wissen und dem Informationsaustausch dienen, eigentlich für schamloses Copy/Paste verwendet werden [...]. Offen diskutiert werden müssten auch die negativen Aspekte des Google-Wikipedia-Wissensmonopols.
Und ja: Die Einführung eines verpflichtenden Lehrmoduls "Einführung in alte Kulturtechniken" ist eine definitiv zu unterstützende Forderung (sage ich als Germanist, der beispielsweise immer noch keine wirklich brauchbare medientheoretische Abhandlung zum Buch als solchem in die Finger bekommen hat). Parallel dazu wird es auch tatsächlicher, umfassenderer Untersuchungen dieser Phänomene (abseits der momentanenen Schätzungen und handgestrickten Beobachtungen) bedürfen. Und dann können wir gerne nochmals die Frage geistiger Urheberrechte diskutieren.

Vorher aber wird es nochmals ein wenig komplizierter: Anton Tantner weist im Adresscomptoir zurecht darauf hin, dass die laut Weber "in einem Weblog" erhobene Forderung nach den "alten Kulturtechniken" zum einen sich exakt verlinken ließe, etwa mit dem simplen Verweis auf eine Debatte im sinn-haft-Weblog; und dass es wohl strukturierte Vorgaben bräuchte, um darüber eine fruchtbare Diskussion zu eröffnen, wie mit den natürlich trotz aller Vorbehalte und allein aufgrund ihrer momentanen faktischen medialen Übermacht zu berücksichtigenden Vernetzungsstrategien Google und Wikipedia umzugehen sei.


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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