Balkan | -s - Part 25

posted by PP on 2005/07/12 15:04

[ Balkan | -s ]

Nachträge zu gestern und kurze Berichte zu dem, was auf dem Seminar DEMOCRACY AND HUMAN RIGHTS IN MULTIETHNIC SOCIETIES, hier in Konjic, bisher so geschah, nachdem ja gestern mit einer der hier aufgestellten Maschinen eine erste Mitteilung gebloggt werden konnte, noch in Budapest und in Gedanken schon hier in den bosnischen Bergen begrüßt wurde.
Worum es lt. Programm ging, lässt sich hier und für den heutigen Tag hier ansatzweise erahnen, denn tatsächlich gibt es diverse Änderungen, schaffen es manche Leute im letzten Moment nicht bis Sarajevo und/oder Konjic, wieder andere hatten eigentlich schon abgesagt und tauchen dann doch auf. (Ja, es geht natürlich um die WesteuropäerInnen und AmerikanerInnen, die den BosnierInnen die Segnungen der Zivilisation bringen und sicher zuhause wieder viel zu erzählen haben hinsichtlich hiesiger Ineffizienz...)

Anmerkung zu Beginn dieses und (hoffentlich) weiterer Blogs aus Konjic: Es wird sich größtenteils um Notizen handeln, sprachlich/semantisch nicht wirklich ausgefeilt und adäquat zugespitzt, eher atmosphärisch bedingt und schnell formuliert. Dennoch, so die damit selbstverständlich verbundene Hoffnung, sollten ein paar der wichtigen Informationen, Diskussions- und Streitpunkte sich als vermittelbar erweisen.

Lino Veljak wies in seiner einleitenden Keynote im Zshg. mit dem YU-Krieg/-Konflikt darauf hin, dass sich in weiterer Folge sehr rasch die diversen Spielarten der Globalisierung abzeichneten, jedoch die Frage von Zivilgesellschaften niemals wirklich ernsthaft auf der Tagesordnung stand. Es scheint, dass er Zivilgesellschaft hier eher elitär verwendet; dass es Probleme geben könnte, wollte man das hinsichtlich der Voraussetzungen nicht auch terminologisch weiter schärfen. Auch die Privatisierungen streift er (große Probleme, klar), die Schwierigkeiten im Zshg. mit der politischen Klasse, v.a. mit jenen Teilen, die für die heutigen Blockaden und Stillstände verantwortlich sind. Natürlich gäbe es auch eine Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, die sich weiter einmischen müsse (das wurde in der anschließenden Diskussion denn doch in der Absolutheit in Frage gestellt).
Richard Lewis aus Brüssel versuchte sich in der Diskussion dann an einem Vergleich von BiH und Süd-Afrika, was naturgemäß daneben gehen musste.
Konsens herrschte weitgehend hinsichtlich der zunehmenden Flexibilisierung von Identitäten, dass Festlegungen, Ethnizitäten und Homogenisierungen immer wieder unterlaufen werden.
Die intellektuelle Debatte bedarf des reflektierten Umschlags in die politische Realität - so eine Forderung, die plötzlich im Raum stand. Die Lage der Intellektuellen hat sich jedenfalls eindeutig verschärft, existenzielle wie Probleme eines Zugangs zur Öffentlichkeit sorgen für einen scheinbaren Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Das bedingt dann natürlich große Probleme für die von Veljak angesprochene Civil Society.

Das "Pedagogies"-Panel habe ich gestern schon andeutungsweise zu subsumieren versucht. Fatima Kararic berichtete von der Situation in den Schulen, verglich zwischen dem einstmals jugoslawischen Zustand und der Teilung nach nationalen Gesichtspunkten nach dem Krieg. (Olivera Stajic aus unserem Team erzählte mir spätabends, wie das damals mit dem Unterricht in Kyrillica und Latinica lief, dass jede Woche gewechselt wurde. Mich würden diesbezügliche Studien sehr interessieren!)
Marija Milosevska versuchte sich anschließend an einer möglichst sauberen Ausdifferenzierung von inter- vs. multikulturell.
Justine Pilarska von Amnesty meinte danach: "The useful efforts must come out of the heart of the peoples."
Oksana Karpenko aus St. Petersburg berichtete über die Gegenüberstellung von "Kaukasiern" und "Russen" in den Schulbüchern, die ikonologischen Motivierungen der Konfliktstellung Eigen-Fremd; ein an sich in den Details sehr spannender Vortrag, der einfach länger hätte sein müssen.
Jerome Krase, der einen hervorragenden Panel-Leiter abgab, beschränkte seine Darstellung leider im Wesentlichen auf den "Melting Pot New York".

Rethinking State-Building war dann die Vorgabe des Panels, das Berit Bliesemann de Guevara und David Chandler zusammengestellt hatten. Vorträge hielten letzterer, Valerie Perry, Solveig Richter und Kerstin Carlson.
David Chandler verwahrte sich gegen eine allzu westlich geführte Debatte, betrieb Politiker-bashing und verwies darauf, dass die Beziehung von Staat und Gesellschaft nicht hinreichend im Zshg. mit State-Building untersucht sei, weshalb diese über kurz oder lang scheitern müsse. Externe Interventionen seien nunmal schlechte Voraussetzungen. Er bot dagegen so etwas wie eine verkappte Systemtheorie an, die leider nur auf einigen Zetteln aufgemalt war, sodass sie nicht wirklich wiedergebbar erscheint.
Valerie Perry sprach dann u.a. darüber, dass in Bosnien sehr viele Leute rumlaufen würde, die lernen wollte, wie und warum dieses Land funktioniert - und dass dies mit sehr große Auswirkungen hat. Sozial-, politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Tourismus eben. Die NGO's stellen sowohl Hilfe als auch ein Gefährdungspotenzial dar für ein funktionierendes, originäres State-Building. Sie selbst vertraut immer noch auf die demokratische Kompetenz der BosnierInnen und geht davon aus, dass alles gut wird - solange NGO's wie sie genug Zeit haben, um ihre Arbeit vollinhaltlich umzusetzen.
Solveig Richter aus Dresden ("Wir sind das Volk!" und so) brachte ein, dass es zuerst anerkanntermaßen des Volks, demos, bedarf, bevor selbiges aktiv (geschaltet?) werden könnte. Es braucht die Definition und Klarstellung, dann ist der notwendige Beginn geschafft. das wurde mit ein wenig Historie und länderspezifischen Verweisen unterfüttert... Es geht also um die Durchsetzung der anfänglichen, bloßen Behauptung: Wir sind das Volk. Bosnien sei kein Staat - so eine ihrer Schlussfolgerungen. Na, solange Deutschland einer ist!
(Natürlich wird Bosnien nach internationalen, d.h. westlichen Maßstäben ausgerichtet. Nur: entweder nicht konsequent genug [kein Plan, kein Geld...] oder es fehlt das Alternativkonzept. Wer soll denn dieses liefern, kann es ein solches geben?
Kerstin Carlson (Karlsson?) zu State-Building in the 21st Century: das wird problematisch, sehr problematisch. Sie spielt die Szenarien in erster Linie anhand Kroatiens durch. Hängt die These an, dass es der EU bei ihrer Intervention letzthin tatsächlich nur um den Kriegsverbrecher Gotovina gab und keine anderen Motive hinter dem Drängen aus die Erfüllung dieses natürlich unerfüllbaren (wiewohl mehr als berechtigten) Wunsches aus Den Haag standen.
Die Diskussion danach: Vanessa Pupavac wies im Sinne der Provokation auf die kroatische Frage hin, ob es zuerst eine Balkan- oder eine EU-Integration geben solle. Die wachsende EU-Skepsis sei ernster zu nehmen, als das in Westeuropa bislang der Fall ist. Einwand: Für Polen oder das Baltikum kümmert sich letztlich auch kaum jemand um diesen Aspekt, da hier ein anderer Zeitplan durchgezogen werden konnte. Hätte man dort ebenso eine lange Vorlaufzeit, würden manche Diskussionen und Probleme sich auch etwas anders darstellen. Für die Staaten des Westbalkans vergeht enorm viel Zeit, vielleicht zuviel. Aida Kozar, im quasi "kakanischen" Panel vom Donnerstag dann mit dabei, stellte dann trocken fest, dass Reconciliation niemals stattgefunden habe, man das gar nicht diskutieren müsse, ein entsprechender Prozess noch nicht angelaufen wäre. Und dann möge man ihr freundlicherweise auch erklären, was denn nun ein demokratischer Prozess nach den momentan aktuellsten Vorgaben sei.
Haben wir nichts bereits genug an eigenen und doch falschen (aber: nach wessen Vorgaben falschen?) Vorstellungen, als dass wir jetzt von außen Incentives brauchen, die sich Democratization, Reconciliation etc. nennen und dann WAS? versprechen?
Was passiert nach der, wenn es sie denn gibt, gouvermental Reconciliation? - so eine weitere Frage. Die soziale Dynamik entgeht dabei meist der Beobachtung und ist doch zugleich die Basis der Entwicklung. Societies und Communities unterlaufen State-Building, da die Dynamiken und Prozesshaftigkeiten derartiger Netzwerk-Aktivitäten zumeist zwanglos übergangen werden.




Morgen wieder mehr, für heute muss ich das Kabel hier freigeben. Transitions war das Thema des Vormittags, Politik und Ökonomie Bosniens betreffend.

Antworten

01 by usha at 2005/07/14 08:11 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Alles wiederholt sich, aber die Gotovina-Frage ist neu. "Wir sind das Volk" ist auch eine Entwicklung gegenüber den Vor- u. Nachteilen hinsichtlich ethnic u. civic nations.
Nein, im Ernst: Civil Society und Reconciliation sind ernsthafte Probleme, auch das Verstummen der Intellektuellen bzw. die Diaspora (kann man als Intellektuelle/r eigentlich noch weiter und mehr verstummen?). Symptomatisch ja auch die Konferenz: Wer von den schweizerischen, schwedischen, norwegischen, amerikanischen, kanadischen, britischen Intellektuellen Bosnier/innen wird denn zurückkehren, um mit oder ohne Bourdieu diese Aufgaben anzugehen?

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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