Weltliteratur

posted by ush on 2009/02/10 09:07

[ Geisteswissenschaften ]

In der Theorie-Sektion konnte ein neuer, ausführlicher Atikel von István Fried veröffentlicht werden, in dem er Auf den Spuren der Acta Comparationis Litterarum Universarum, herausgegeben von Hugo Meltzl folgt.

Fried sucht mit Gewinn den in kulturwissenschaftlichen Kreisen eher verpönten, zumindest mit Vorsicht auf Distanz gehaltenen Begriff der "Weltliteratur" mit Gewinn wieder auf und verfolgt die Geschichte der Disziplin der Vergleichenden Literaturwissenschaft bzw. der Weltliteratur.

Dafür beginnt er sachgemäß mit Johann Wolfgang v. Goethe und streicht zu seiner korrekten Wiedergabe die Rolle von Vermittlung, Rezeption und Quellenkunde heraus. Der Hauptteil der Arbeit ist jedoch dem exzeptionellen Wirken Hugo Meltzls gewidmet, der die im Titel genannte Zeitschrift neben anderen über viele Jahre hinweg und gegen Widerstände herausgab. Konzepte von Mehrsprachigkeit und "kleinen Literaturen" bzw. eher Regionalliteraturen zeichnen sich in diesen frühen Umsetzungen einer Weltliteratur ebenso ab, wie eine Würdigung des Goethe'schen Vermittlungsgedankens, der in zahlreichen Übersetzungen aus den unterschiedlichsten Sprachen resultierte.

Weltliteratur wird hier als ein Projekt aufgefasst, als eine Utopie der Zukunft, an deren Verwirklichung Meltzls Zeitrschrift/en aktiv mitarbeiten wollen. Meltzl verwahrt sich dabei ausdrücklich gegen Bewertungen von Kulturen und Literaturen, die er allesamt als explizit gleichwertig ansieht - innerhalb des Literatur-Kultursystems.

Nichtsdestotrotz kommt bereits in diesem in der Tat sehr differenzierten und demokratischen Vorhaben die Kehrseite der Differenzierung zum Tragen: das Schaffen von Reservaten und die Rede von minoritären Kulturen/Literaturen, die es, wie manche Tierarten, zu schützen und vor dem Aussterben zu bewahren gelte.

Was Fried in der Tat vorbildlich gelingt, ist die Vorsicht gegenüber Goethe selbst und den frühen Unternehmungen in Hinsicht Weltliteratur erneut zurecht zu rücken, den Vorwurf der Kulturhegemonie und der hierarchischen Differenzierungen zurückzunehmen und stattdessen zu zeigen, dass der Unterschied zwischen modernen und historischen kulturwissenschaftlichen Unternehmen nicht so groß ist. Was er jedoch gleichzeitig aufzeigt - ob bewusst oder unbewusst, bleibt sich gleich - ist die Nichthintergehbarkeit von Wertung überhaupt in jeder noch so durchdachten Differenzierung.

Zuletzt und auf besondere Art zeichnet sich das Paradox der differenzierten literaturlosen, schriftlosen und Schrift-Kulturen in Meltzls Propagierung neuer Medien, hier des Fonogramms ab: Hier setzt sich vollends der Archivierungsgedanke durch, denn das Fonogramm diene der Bewahrung und Verbreitung toter Sprachen. Dabei schwingt bereits eine Form des second life und Geisterhaften von bereits zum Tode Verurteilten, von aussterbenden Kulturen mit. Für wen diese dann über das Fonogramm bewahrt werden und welche Botschaft mit übermittelt wird, diese Frage bleibt hier - wie andernorts - unbeantwortet.


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Einblicke in Editor's Welt. Interessiert an Geisteswissenschaften, staunend über Medien, Tendenz zum Bizzarren, vor allem in der Literatur. Über Anregungen, Kritiken, Kommentare freuen sich Usha Reber (editor@kakanien.ac.at und János Békési (webmaster@kakanien.ac.at).
The workshop Balkan Studies - quo vadis? is held on April 25, 2009.

Venue: HS, Inst. Slawistik, AAKH / Campus
The programme is to be found here, the abstracts are available as Balkan Studies 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, and as pdf.
Ort: HS, IOG, AAKH, Spitalgasse 2, 1090 Wien
Zeit: 2. bis 4. April 2009
Veranstalter: IOG, Kk.rev
Funding: Fritz-Thyssen-Stiftung, Köln

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