Historische Kulturwissenschaften

posted by ush on 2007/12/15 09:32

[ Geisteswissenschaften ]

Zur Zeit zeichnet sich ab, dass die historischen Kulturwissenschaften (wieder) entdeckt werden. In kurzem Abstand fanden zum einen in Linz und zum anderen in Mainz zwei große Tagungen zu jenem Thema statt. An der Universität Mainz dienen sie gar als Grundlage zu einer neuen Schwerpunktbildung, an der neben den Geschichtsdisziplinen auch die Klassische Philologie und die Mediävistik beteiligt sind.

Über den Kulturgeschichtetag 2007 in Linz berichteten auf dieser Plattform Peter Becker und Alexander C. Geppert, die beide zum Schluss kamen, dass der Kulturwissenschaft die Verankerung in der Kulturgeschichte not tut, somit Letztere als Erneuerungs- und Innovationskraft auftritt. Großes Interesse und tragfähige Kleinstudien unter großen Leitfragen wurden konstatiert.

Bei der Konferenz Historische Kulturwissenschaften - Konzepte und Methoden in Mainz konnten ähnliche Ergebnisse erzielt werden. Der Bericht von Andreas Frings lautet in Auszügen:

An den beiden Vormittagen stellten auswärtige Gäste ihre Überlegungen zu Grundsatzfragen vor, während nachmittags Mainzer Wissenschaftler Einzelfragen der Konzeptualisierung Historischer Kulturwissenschaften thematisierten oder historische Fallstudien vorstellten, um auf diese Weise das Potential Historischer Kulturwissenschaften auszuloten.

Dabei wurde deutlich, dass mehrere programmatische Entscheidungen des Mainzer Projektverbundes tragfähig und zukunftsweisend sein dürften. So betonte beispielsweise Lutz Musner aus der Erfahrung des Wiener Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften heraus, dass historisch-kulturwissenschaftliches Arbeiten keineswegs in kulturalistische Exzesse abgleiten dürfe, in denen kulturelle Phänomene in gehobener Terminologie zirkulär aus sich selbst heraus erklärt würden, sondern diese vielmehr an ihre historischen, d.h. eben auch ökonomischen und sozialen Kontexte rückgebunden werden müssten. Dieses Plädoyer deckt sich weitgehend mit dem Mainzer Vorhaben, weniger programmatische Modellbildungen als vielmehr historisch-empirische Arbeiten in den Vordergrund zu rücken, um auf diese Weise auch unterkomplexe und vereinfachende kulturalistische Theorie- und Modellbildungen in dissidenter Weise auf ihre Tragfähigkeit zu untersuchen. Dass die mannigfaltigen "turns" der letzten Jahre nicht selten mehr Erkenntnisgewinn versprachen, als sie einhalten konnten, darin waren sich Lutz Musner und das Mainzer Projekt, aber auch beispielsweise Manfred K.H. Eggert (Tübingen) einig.

Eggert teilte wiederum mit Dieter Teichert (Konstanz; z.Zt. Duisburg-Essen) die Einschätzung, dass es nicht immer des Rückgriffes auf die jeweils neueste kulturwissenschaftliche Autorität bedürfe, um grundlegende Fragen zu lösen. Beide beriefen sich vor allem auf jene Autoren der Jahrhundertwende, die inzwischen zumindest teilweise wieder zum kulturwissenschaftlichen Kanon zählen dürfen: Georg Simmel, Max Weber, Ernst Cassirer oder Heinrich Rickert, um nur vier zu nennen. Dieter Teichert konnte so zeigen, dass beispielsweise die Methodenentscheidung zwischen "Verstehen" und "Erklären" bereits seit langem als befriedigend gelöst gelten darf, da die Unterscheidung von Natur- und Kulturwissenschaften in epistemologischer Hinsicht bereits damals nachhaltig erschüttert worden sei.

Am zweiten Vormittag stellte dann Barbara Korte (Freiburg) am Beispiel eines eigenen Projektes die Erkenntnispotentiale interdisziplinärer Arbeit vor, die ja keineswegs selbstverständlich sind. Ausgangspunkt war ihre Beteiligung am Tübinger SFB 437 Kriegserfahrungen, Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit, an dem sie mit Untersuchungen zu literarischen Genres der britischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges beteiligt war.

Dass historische und kulturwissenschaftliche Perspektiven unterschiedliche Aspekte auch von Philosophie und Philosophiegeschichte zu erhellen vermögen, war das Anliegen von Andreas Cesana (Mainz), der auf diese Weise eine tendenziell eher systematische Denktradition aufgriff und deren Kulturalität und Historizität thematisierte. Ebenfalls die Disziplin und die Disziplinengrenzen in Frage stellend rückte Christiane Kruse (Marburg) die Erweiterung der Kunstgeschichte zur Bildwissenschaft in den Mittelpunkt ihres Vortrages. Die damit einhergehenden Konsequenzen einer transdisziplinären Perspektive auf Fachzusammenhänge waren Gegenstand der folgenden, engagierten Diskussionen.

Ein Sammelband, der ein Gros der Vorträge dokumentieren wird, ist in Vorbereitung. Das Programm der Tagung kann eingesehen hier werden.

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The workshop Balkan Studies - quo vadis? is held on April 25, 2009.

Venue: HS, Inst. Slawistik, AAKH / Campus
The programme is to be found here, the abstracts are available as Balkan Studies 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, and as pdf.
Ort: HS, IOG, AAKH, Spitalgasse 2, 1090 Wien
Zeit: 2. bis 4. April 2009
Veranstalter: IOG, Kk.rev
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