FameLab Europa sucht den Superstar

posted by ush on 2009/01/03 17:08

[ Bizarrerien | Bizzarreries ]

Ich kann dieses Thema, das mir bereits im alten Jahr aufgestoßen war, ohne dass ich die Energie hätte aufbringen können, es rechtzeitig zu posten, nirgendwo anders, als unter "Bizzarrerien" einordnen: Laut einer Aussendung des Rektors der Universität Wien sucht Europa auch 2009 wieder nach dem Wissenschaftssuperstar. Bühnentauglichkeit und Reduzierbarkeit auf quasi Nachrichtenformat Verwertbarkeit in YouTube wird jetzt nicht nur in den populären Künsten, sondern in den gefälligst ebenfalls populären Wissenschaften gesucht - offenbar.


Skandalös ist meiner Ansicht nach jener Ausschreibungsteil, der sich nicht im Geringsten scheut, auch die ältesten Hüte von Vorurteilen gegenüber WissenschaftlerInnen nicht nur zu zitieren (das wäre im Sinne der Rhetorik verzeihlich), sondern ernsthaft anzuführen:

Das Publikum wird dabei nicht nur erfahren, dass WissenschafterInnen nicht zwangsläufig an zersausten Haaren, einer Sehschwäche oder diversen Tics leiden müssen, sondern wird auch entdecken, dass Wissenschaft und Forschung eng mit dem eigenen alltäglichen Leben verwoben sind.
Ob es, um das Folgende zu zitieren, so wichtig ist, ein Auto auch in Zukunft zu fahren, sei dahin gestellt. Als Hundebesitzerin bin ich zwar geneigt, dem unter Umständen zuzustimmen, doch geht es auch schon seit mehreren Jahren ohne diese Bequemlichkeit, die mehr den Vierbeinern, als mir dienen würde. Die Wohnung heizen zu können hingegen, ist durchaus elementar.

Nichtsdestotrotz scheint in diesem knappen Aufriss der Zukunftsthemen deutlich genug auf, dass mit dieser 'Ausschreibung' auf eine ganz bestimmte Gruppe an jungen WissenschaftlerInnen mit ganz bestimmten Themen in wenigen Disziplinen abgezielt wird. Thema und Disziplin rücken jedoch gleich wieder in den Hintergrund gegenüber dem Auftrittsformat, das sage und schreibe ganze 5 Minuten gewährleistet, um - und das ist der ganze Gag - sich zu präsentieren.

Die Kriterien, nach denen die Präsentationen der jungen WissenchafterInnen bewertet werden, sind Content, Clarity und Charisma: Der Inhalt muss wissenschaftlich korrekt sein, der Vortrag muss für jedermann verständlich sein und der/die KandidatIn muss das Publikum und die Jury begeistern können.
Bei allem Verständnis um die Forderung nach Verständlichkeit, kann kein Mensch ernsthaft glauben, dass sich ein komplexes Thema wie Ressourcenknappheit in "zwei Sätzen" oder 5 Minuten auch nur annähernd "wissenschaftlich korrekt" darstellen ließe. Was also bleibt von der Großartigkeit der Forderung nach Durchsichtigkeit und Nachvollziehbarkeit ist allein der letzte Punkt: Charisma. Die Bühnentauglichkeit eben, die Bewertung von Haltung, Stimme, Lächeln, Kleidung, Bewegung und äußerer Ästhetik. Dumm nur, dass die Regeln dafür weniger durchschaubar sind als jene bei der Suche nach diversen musikalischen Superstars.

Wie frau es nicht machen sollte, und derern Arten gibt es ja viele, kann vielleicht auf unterhaltsamere Weise als durch das - zumindest meinerseits - ungläubige Wiederlesens dieser Aussendung eine Wiederansicht der Serie Ally McBeal lehren.

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Editor

Einblicke in Editor's Welt. Interessiert an Geisteswissenschaften, staunend über Medien, Tendenz zum Bizzarren, vor allem in der Literatur. Über Anregungen, Kritiken, Kommentare freuen sich Usha Reber (editor@kakanien.ac.at und János Békési (webmaster@kakanien.ac.at).
The workshop Balkan Studies - quo vadis? is held on April 25, 2009.

Venue: HS, Inst. Slawistik, AAKH / Campus
The programme is to be found here, the abstracts are available as Balkan Studies 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, and as pdf.
Ort: HS, IOG, AAKH, Spitalgasse 2, 1090 Wien
Zeit: 2. bis 4. April 2009
Veranstalter: IOG, Kk.rev
Funding: Fritz-Thyssen-Stiftung, Köln

Programm, Abstracts (.pdf)
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