Überlegungen zur Assimilationsfrage

posted by Katalin Teller on 2008/03/07 12:03

Wie lässt sich die Assimilationssituation anhand ihrer phänomenologischen Tradition beschreiben? Welche zusätzlichen Implikationen erhält der Begriff, wenn soziologische, anthropologische, ethnologisch-etymologische und ontologische Dimensionen mit einbezogen werden? Gábor Biczó liefert mit seiner Studie ein Plädoyer für die gut bewährte Vorstellung über die Aufhebung von Fremdheit.

Den Auftakt dafür findet er in der Biografie Husserls, der "sich [...] auf Grund seiner Herkunft als Jude, seinem Geburtsort nach als Mähre oder mit Hinweis auf seine ursprüngliche Staatsbürgerschaft als Österreicher definierte" und damit "in seiner Identität von dem Erlebnis der ethnischen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Vielfalt tief geprägt" war. In diesem Sinne ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass Husserl viel Wert auf die Definition von lebensweltlichen Verstehensprozessen legte. Dieser Versuch jedoch, eine Assimilationssituation im Rahmen einer streng phänomenologischen Begrifflichkeit zu erfassen, wird mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass diese primär auf die Beschreibung des
"statische[n] Strukturcharakter[s]" fokussiert, wobei "die dynamische Prozessualität" bloß sekundär in Betracht gezogen werden kann.

Biczós Perspektivenwechsel, indem die Begriffe des "Fremden" ("Anderen") und des Horizonts sowie die "Ich"-"Du"-Relation in ihrer anthropologischen Aufmachung unter die Lupe genommen werden, bürgt somit für die Dynamisierung des Husserl'schen Konzepts, die allerdings auch im Denken des späten Husserls nachvollziehbar ist. Mit der in der Krise des europäischen Menschen belegbaren Akzentverschiebung vom "universellen Wert der allgemeinen Assimilationstheorie", die "aus jenem Wechsel abgeleitet werden [kann], den Husserl angesichts seines Standpunktes gegenüber seiner eigenen Phänomenologie vollzog", kommt zu einer "Eliminierung des Objektivitätsanspruches", womit also jene spezifischen Assimilationsbedingungen hervorgekehrt werden, die jenseits einer universalistisch-holistischen Phänomenologie nur soziologisch, kulturpolitisch und historisch, quasi als Fallbeispiele zu erfassen sind.

Der theoretische Beitrag lässt also einerseits ein klares, weil strukturell und formell gut definierbares Bild der Assimilation erstellen, andererseits aber dementiert er sich selber, indem gerade die hochaktuelle Problematik von Fremdwahrnehmung mit einem Wink Richtung zukünftige Forschungsbestrebungen peripher behandelt wird.
 


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01 by ush at 2008/03/09 08:30 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten

Eine fundierte theoretische Basis für die genannten soziologischen, kulturpolitischen und historischen Fallbeispiel ist Goldes wert. Ich verzeihe es dem Beitrag, die aktuelle Problematik der Fremdwahrnehmung noch zu verschieben.

Lebt doch auch die derzeitige europäische Fremdwahrnehmung von einem Paradox, das in vielen Konnotationen aufscheint: einerseits der Stolz auf Multikulturalität, andererseits der Wille zu einer gesamteuropäischen Geschichte; einerseits die Angst vor Überfremdung - was immer das sein soll - samt den österreichischen Bestrebungen nach visueller Kaschierung und 'Verschleierung' im Moscheenverbot, andererseits das Angewiesensein auf die Teilnahme von Fremden am Arbeits-, kulturellen und politischen Leben; einerseits Gender-Mainstreaming und interkulturelle Bestrebungen, andererseits verstärkter Nischenzwang; einerseits Differenzdenken und -sehen allenthalben, andererseits die rechtliche und ethische Grundprämisse von Gleichheit/en.

Differenz ist Thema, ohne Frage. Sie wird immer noch wieder entdeckt und teilweise hysterisch beschworen; da war sie aber immer schon. Und hier ist es eine Frage der zu Grunde liegenden Methode, der theoretischen Prämisse, welcher Stellenwert ihr beigemessen wird; wie weit sie ins Innen wie bei Husserl oder Levinas und wie weit nach Außen verlagert wird in ein Sammelsurium an Trennungsmerkmalen und sich objektivierenden Gesetzen.

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