Vortrag von Dunja Melčić
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Dunja Melčić hielt am 15. 11. 2007 am Neuen Institutsgebäude der Uni Wien einen Vortrag zum Themenkomplex „Literatur und Ideologie“ im Rahmen der Ringvorlesung des IK Kulturen der Differenz. Im Zentrum stand die kritische Bestandsaufnahme einer fehlerhaften und verkürzenden Rezeption der Hintergründe des Jugoslawienkriegs im deutschsprachigen Raum, den Melčić v. a. daran festmachte, dass der Schriftstellerin Slavenka Drakulić der Leipziger Buchpreis aus falschen Gründen vergeben wurde. Sie begründete dies in einer kritischen Textanalyse des Textes Keiner war dabei: Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht ( Dt. von Barbara Antkowiak), Wien, Zsolnay 2004.
Dieser Text von Drakulić ist eine vordergründig politische Analyse, die zwischen journalistischer Informationsleistung und Fiktion schwankt. Diese Form verstecke sich nach Melčić hinter dem Faktischen um dabei unkorrekte oder mangelhafte historische Fakten als Allgemeinwissen oder Expertenwissen der Autorin zu tarnen. Die Autorin vermeide es geradezu Fakt und Fiktion unterscheidbar zu machen, und daraus folge, so Melčić, aus der Lektüre des Textes die Trivialisierung und Entpolitisierung eines sehr komplexen Diskurses – der Frage nach den politischen Hintergründen der Kriegsverbrechen(r) während des Krieges im ehemligen Jugoslawien. Die Autorin verbreite unter Vorgabe von exklusivem Insiderwissen Klischees über Balkan-Verbrecher, die auf keinerlei Recherche ihrerseits, sondern vielmehr auf die Wiedergabe von Infos aus dem Fernsehen schließen lassen.
Der Abschnitt "Die Gottesstrafe", den Melčić intensiv analysierte, stellt ein Porträt des Kriegsverbrechers Ratko Mladic, den serbischen Kriegsverbrecher, dar. Verkürzt lässt sich nach Melčić sagen, dass in dieser Textstelle den Opfer des Völkermordes in Srebrenica von der Autorin Drakulić eine perverse Art des Trostes erhalten, wenn sie ihnen "anbietet" ihre Darstellung des Selbstmord der Tochter Mladić´ als seine Gottesstrafe zu interpretieren. So spitzt sich diese Perversität in der aus dem Text schließbaren Aussage zu, dass das verdiente Mitleid, das Drakulić Mladić einzigartigerweise nur nach dem Selbstmord seiner Tochter, zugesteht, eine Art Ausgleichsverhältnis mit den seinen Opfern schaffe. Melčić führt die Idee einer Strafe Gottespersönlich an Mladić jedoch anhand der realen politischen Geschehnisse ad absurdum. Denn ein Nachdenken oder Einlenken Mladić´, das nach einem solchen schmerzhaften Erlebnis samt Katharsis oder Erleuchtung zu erwarten wäre, fand bei Mladić nach dem Selbstmord seiner Tochter Anna gerade nicht statt, vielmehr zeigt sich nur (s)eine allgemein eskalierende Gewalt(bereitschaft).
Melčić sieht die überaus positive und unkritische Rezeption dieses oder ähnlicher Textes im deutschen Sprachraum nicht nur in einer Lesefaulheit sondern als Zeichen einer Verweigerung eben dieser lesenden Öffentlichkeit, sich intensiv und differenziert mit den Hintergründen des Jugoslawienkrieges und der damit verbundenen Verbrechen zu beschäftigen. Eine allzu positiv Beurteilung von Texten wie jenem von Drakulić begründet sie in der politisch und ideologisch "passenden" Stellungnahme und Einstellung der Autorin, nicht jedoch in ästhetischen Kriterien oder einer tatsächlich prägnanten politischen Analysefähigkeit derselben.
In der hitzigen dem Vortrag folgenden Diskussion wurden von Melčić angeschnittene Vergleichsmomente (Handke und der Heine Preis, Partisanenverbrechen nach dem 2ten Weltkrieg oder die Massenvernichtung der Nationalsozialisten) widersprüchlich befragt. Die zahlreichen Wortmeldungen zeigten eines deutlich: ein starkes Interesse an und die immer noch vorhandene Notwendigkeit einer differenzierten Aufarbeitung dieser Themen in Literatur und Medien bzw. in der Öffentlichkeit sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in den ex-jugoslawischen Staaten. Als Literaturtipp einer tiefer gehenden, interessanten und sachlichen Analyse der Gräuel von Srebrenica empfahl Melčić den Autor Suljagić, Emir: Razglednica iz groba, Zagreb: Durieux, 2005, (oder in engl. Übersetzung: Suljagić, Emir: Postcards from the grave, 1. publ., London: Saqi Books, 2005) dessen Werk leider nicht ins Deutsche übersetzt ist - womit ihren Thesen einer verpatzten Rezeption der Thematik, wie Müller Funk ironisch anfügte, ein stichhaltiges Argument hinzuzufügen wäre.
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Redaktion


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