Staatsmusil

posted by Katalin Teller on 2008/11/26 14:30

[ New World Kakanien ]

"...es könnte auch anders sein..." - nichts wie dieser Satz Robert Musils kann den Umständen besser gerecht werden, was und wie gestern im Tschechischen Zentrum präsentiert wurde. Alles in allem ein unglaublich erfreuliches Ereignis: Die sog. Klagenfurter Ausgabe der Werke Robert Musils, ganz genau die kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften Robert Musils, mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften (hg. von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino am Robert Musil-Institut für Literaturforschung der Universität Klagenfurt), erscheint im Juli 2009. 

Wenn man sich das erstaunliche Kapitelverwirrspiel im Mann ohne Eigenschaften vergegenwärtigt, erhält einen ganz leisen Eindruck davon, was für eine Arbeit hier geleistet wurde und wie Musil-Leser dankbar sein dürfen, eine so sorgfältig vorbereitete, reich kommentierte, mit Registern und Bibliografien versehene Edition in den Händen halten zu können (ja, erst ab dem nächsten Sommer - s. dazu die Webseite des gesamten Projekts) und sich noch dazu auf ein kostenloses Update im Jahre 2011 freuen zu dürfen. Diese Freude konnte auch nicht dadurch getrübt werden, dass - es sei an den Eingagssatz Musils erinnert - aus unorganisatorischen Gründen die Präsentation gleich zwei Mal, um 18 und um 19 Uhr ihren Anfang nahm. 

Die Kostprobe allerdings, die von Walter Fanta angeboten und ihm bzw. dem Brünner Germanisten Zdeněk Mareček mit je einem Vortrag zu Musils Brünner Jahren und Nationenauffassung flankiert war, war auf jeden Fall ergiebig und verlockend - das einzige Hindernis, die lobende Werbung in diesem Sinne fortzusetzen, ist jenes, das der Verkaufspreis der DVD darstellt: Obwohl jahrelang aus öffentlichen Geldern finanziert, muss das begehrte Objekt um den Preis von 149 vertrieben werden. Das heißt aber auch, dass die Edition fast ausschließlich von Institutionen, Bibliotheken usw. wiederum aus öffentlichen Geldern angekauft wird, es sei denn Interessierte können ihre Familien dazu bewegen, ein Kollektivgeschenk zu einem ausreichend ernsten Anlass zu spendieren. Klar, kommentierte und kritische Ausgaben haben noch nie zu Schnäppchen gehört. Klar auch, dass der Rowohlt-Verlag, der die Rechte bis zur Verjährung, d.h. 2012 besitzt, auch geschäftliche Gesichtspunkte vor Augen gehabt haben mag. Aber gerade in diesen hoffnugsvollen Zeiten der Digitalisierung, wenn auch nicht gleich des Open Access, würde man erwarten, bei einer Preisgestaltung dieser Art etwas demokratischer und solidarischer vorzugehen.

Und noch ein schmackhaftes Detail: In die als Rezensionsexemplare vorgesehen DVDs wird wahrscheinlich ein Programmchen eingebaut, das die Benutzung des Objekts auf 4 Monate beschränkt. Ich habe zwar noch nie ein Buch 4 Monate nach dem Rezensieren weggeworfen, diese Praxis muss nun aber revidiert werden.


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