Würdig des Merkens

posted by ush on 2008/03/28 10:39

Tünde Radek geht in ihrem Beitrag in der Emergenzenreihe auf linguistische und semantische Spurensuche, um das Feld der Phantastik einerseits zu erweitern und andererseits neu einzugrenzen.

Sie wendet sich mhd historischen Schriften zu und untersucht das Bedeutungsfeld der historia, jener Begebenheiten also, die den Schreibern "merkwürdig" und/oder "wunderlich" schienen. So zeichnet sie die Verbindungslinien zwischen dem Herausragenden, Nichtalltäglichen und Exemplarischen und der semantisch-ethischen Bedeutungszuweisung dar. Auch der Stellenwert von Beweiskraft und Glaubwürdigkeit, der einerseits über das Auge, die Augenzeugenschaft und andererseits über Tradition und Vertrauen in Quellen läuft, wird in extenso diskutiert, wodurch implizit die Generierung des Neuen aus dem Alten und Bekannten, wie es für Jahrhunderte maßgeblich war, erläutert wird. Im Fall dieses Beitrags anhand des Übertrags von Glaubwürdigkeit von lateinischen in volkssprachliche Schriften.

Was aus dem Rahmen des Ordinären fällt, verdient Aufmerksamkeit, zeichnet sich durch Würidkeit des Merkens und Verschriftlichens, Tradierens, Erinnerns aus. Dieses Extra-Ordinäre steht jedoch nicht für sich, sondern wir in einen - im Falle der von Radek herangezogenen Schriften - christlich bestimmten moralischen Kontext gestellt. Diese Ereignisse und/oder Taten generieren Narrative, die dem Lob der göttlichen Ordnung dienen. Nur in diesem Umfeld bewährt und bewahrt sich das Exemplarische in beide Richtungen: als lobens- und nachahmungswert oder als verwerflich und zu Lassendes.

Die Quellen verfolgen demnach nicht die Lust am puren Ereignis oder am Schauder der Erhabenheit oder des Schrecklichen, sondern wollen immer auch eine Handlungsanweisung im Kontext einer Exegese der Weltordnung geben. Anders als im schauerlichen Fantastischen wird diese Weltordnung nicht auf die Probe gestellt, hinterfragt oder gar subvertiert, sondern von Fall zu Fall re-installiert.


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