Bücher | Books - Part 13

posted by usha on 2005/09/09 09:45

[ Bücher | Books ]

Ich gehöre wahrscheinlich zu den Verspäteten, die Andrej Kurkow für sich entdecken. Es brauchte jedoch eine schwere Grippe, die nicht mehr als täglich max. 3 Arbeitsstunden erlaubte, bis ich mich endlich einmal in Ruhe mit "Picknick auf dem Eis" zurückziehen konnte.

Die gewöhnliche Krankheit, so schlimm sie ist und welche Schmerzen auch immer sie beschwert, hat auch immer etwas von einer Rückflucht in die Kindheit, auch auf Selbstversogerstatus, wenn keiner mehr das Essen und die Tees für dich kocht oder zwingt, unglaubliche Medikamente zu schlucken. Und das heißt v.a.: Lesen bis zum letztlichen Hinsinken und Einschlafen. So kann man gut und gerne am Tag - je nach Länge - 1-2 Bücher durchlesen, wobei ganz sicher keine Wissenschaft mit ins Bett kommt.

Auch als Literaturwissenschaftlerin habe ich nie die Lust am Lesestoff, am Freundschaften Schließen mit allerlei Gesellen verloren, und ein ganz besonders liebenswerter Geselle ist "Mischa-Pinguin" aus Kurkows "Picknick auf dem Eis" (die beste Zusammenfassungen des Inhalts finden sich hier und dort). Mit dem Protagonisten Viktor gemeinsam gewinnt er einen ausgeprägten Charakter, der den seines Pflegers gleichsam widerspiegelt und mit seinem angeborenen Herzfehler, den ewig traurigen Augen, seinen Depressionen und dem stummen Vorwurf verschleppt und hin und her geschoben zu werden (aus der Antarktis in den Zoo, von dort wegen finanzieller Pleite abgegeben an Viktor) steht er für die Gefühlslage Viktors selbst, der statt "Liebe" Anhänglichkeit empfindet und statt Selbstständigkeit zu beweisen sich in sein Schicksal einfindet. Aber auch die gesamte Lage einer mehr oder minder desaströsen Ukraine vor dem Ausverkauf und in der Hand mafiöser, unsichtbarer Netzwerke wird in Mischa-Pinguin (der von "Mischa-Nichtpinguin" genau so unterschieden wird) gebündelt.

So avancieren der Mensch und sein Pinguin zu Todes- und Trauersymbolen: Während Viktor sein Geld und stadtweiten Ruhm als "Der Engste Freundeskreis", Autor von bestellten und zeitgerecht in die Wirklichkeit überführten Nekrologen, verdient, scheffelt Mischa-Pinguin als Ehrengast bei den Beerdigungen besagter Nekrologisierter noch mehr Geld. Das braucht er auch, denn in einer weiteren absurd-fantastischen Wende kann nur das "Herz eines Kindes" ihn von seinem nunmehr lebensgefährlichen Herzfehler und den Depressionen erlösen.

An dieser Stelle tritt der durch und durch schwarze (aber dennoch liebenswerte) Humor der Erzählung außer Kraft: Mir war völlig klar, dass dieses Herz jenes von Viktors zufälliger Ziehtochter, Mischa-Nichtpinguins Tochter und Mischa-Pinguins Spielgefährtin Sonja, sein würde. Aber diese Engführung (und wirklich als einzige) erspart uns das schwarze, absurde Geschehen. Stattdessen tauschen Viktor und Mischa-Pinguin die vorgesehenen Rollen: Der menschliche Pinguin flieht in die Antarktis, Mischa-Pinguin bekommt die Herztransplantation. Die menschlich-pinguinische Gesellschaft sieht bei Kurkow also so wie unten auf dem Bild aus. Anhänglichkeit und Herdenbildung auf Zeit kommen aber niemals als Mahnmal und im Abgesang des Humanitäts- und Kulturverfalls daher; sie bilden eine respektable und funktionierende Alternative. Das Patchwork siegt über die Blutsverwandtschaft und Liebe ist nicht nur etwas, das man sich in einer kalten Welt nicht leistet, sondern findet gerade in der Notgemeinschaft mit gegenseitiger Fürsorge ihre beste Gestalt. Aus dem Tierreich ohne Darwin lernen.

Jetzt muss ich mir sofort die Fortsetzung "Pinguine frieren nicht" bestellen und der Kategorisierung "Krimi" sowie "Thriller" entschieden widersprechen.

http://kakanienneu.univie.ac.at/static/files/26164/pinguine.gif


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