Sprache | Language - Part 13

posted by usha on 2006/10/22 09:26

[ Sprache | Language ]

Zwei Sprach- und Kulturräume werden in Der Standard-online besprochen: Ralf Schnell widmet anlässlich Elfriede Jelineks 60tem Geburtstag ihrem Roman Die Kinder der Toten eine Abhandlung und Greil Marcus bestimmt die Serie 24 als Abbild von Bushs Amerika.

Ich kann Momente der Verbindung erkennen, bei aller Unterschiedlichkeit der zu Grunde liegenden Texte. Der offensichtlichste liegt in den beiden grundsätzlichen Stichworten zur Fernsehserie: "Echtzeit" und "Split-Screen". Beide Werke vollziehen den unaufhaltsamen Strom der Zeit nach, den man nicht zu einem Stop zwingen kann, der sich nicht aufhalten lässt, und dem man im Grunde, obwohl mitten drin, immer hinterher hinkt. Auf hintergründige Weise kommt bei dieser Form des Erzählens wieder das Präteritum als einzig gültiges Erzähltempus heraus.

Diese dahinströmende und -stürzende Zeit gestlatet sich für alle Beteiligten anders, jeder versucht auf andere Weise, gegen ihren Strom zu schwimmen, um dann panisch sich um Aufholung zu bemühen, um den Anschluss - der so ja gar nicht existiert im großen Mitreißen - nicht zu verpassen. Dies gestaltet sich im einen Werk im Splitscreen, der die verschiedenen Geschichten als unstete Momentaufnahmen nebeneinanderlaufen lässt, im anderen als ständig wechselnde Wahrnehmungs- und Erzählperspektive, die in ihrem Zerfließen und Ineinanderstürzen kein Ich erkennen lässt.

Das Stimmungsbild, das Grundmoment, das dadurch vermittelt wird, ist die Paranoia. Das Bewusstsein, das jeweils gegen den Zeitstrom ankämpft ist in seiner Langsamkeit und Zersplitterung nicht mehr menschlich zu nennen, es agiert eher als Datenprozessor, der jedoch technisch nicht auf dem neuesten Stand, daher zu langsam ist und dem Gesamtabsturz zusteuert, parallelisiert durch den Eindruck, dass dieser urgewaltige Zeitstrom auf ein schwarzes Loch zuströmt.

Beide zeichnen diese Paranoia und den ständig lauernden Systemabsturz der sich zerteilenden und auflösenden Bewusstseine/Prozessoren als Verdichtung von Gewalt. Angelegt ist sie von vornherein in den ästhetischen Verfahren; der dahinströmenden Sprache, die Banalitäten, Werbeslogans, Sprichworte, Gebrauchs- und poetische Texte unendlich miteinander komibiniert - wie die Wassermoleküle des (Zeit)Stroms sich stets neu zusammenclustern und wiederauflösen - sowie der Splitscreen, der vor allem eine Szenerie, die Folter in verschiedenen Variationen wiederzeigt.

Greil Marcus greift gerade die Ubiquität der Folter, die sich gegen jeden richtet und hinter der ein nicht aufzuhaltendes Misstrauen von jedem gegen jeden steht, als Verbildlichung von Bushs Amerika heraus. Die Serie spielt noch - und in den Staffeln 2 und 3 nimmt die traditionelle Narration überhand - mit dem üblichen Strukturmuster der Heldenerzählung, verbrät hemmungslos den Kampf des einzelnen Überhelden und die Schwarz-und-Weiß-Malerei - "Wir sind die Guten" -, wobei dies den denselben Stellenwert innehat wie Jelineks Sprich- und Schlagworte: Reminiszenzen an eine heile Welt, deren Trümmer im Strom mittreiben.

Zwei Sprachen der Paranoia und der Kontiguität, in verschiedenen Medien realisiert, liegen hier vor. Wenn sie Abbilder ihrer Entstehungszeit sind, ist in ihnen auch die allerorten beklagte Abwendung von konkreter Politik enthalten. Aus beiden Zeitströmen, die bei Jelinek aus durch Verwesungsgifte verseuchten Tiefen einer naturalisierten Geschichte hervorbrechen und die in der Serie sich an der Auslöschung der Zukunft durch eine unaufhörliche, folternde Gegenwart sich flächendeckend und immer schon als grenzenloses Meer bis an jeden Horizont erstreckt, kann sich keine Hoffnung, nur Paranoia speisen. Was geschieht, geschieht durch uns hindurch.


In der kanadischen Serie "Nikita" hat 24 einen Vorläufer. Obwohl hier mehr Wert auf eine klassische Narration gelegt wird, erzählt auch diese Serie von der Unzulänglichkeit 'menschlichen' bewussten Fassungsvermögens in Parallelität zu mangelhafter Datenverarbeitung und Mustererkennung, die eine immerwährende Paranoia, die sich in Gewalt und Folter ausagiert, produziert.

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