ZuschauerInnen der 1920er Jahre

posted by SHorváth on 2008/04/04 12:33

[ Vorträge - Lectures ]

Sowjetunion um 1920: Nie war ZuschauerInnenforschung erfindungsreicher und nie war die Frage umstrittener, wie das Auge der ZuschauerInnen zu erziehen sei.

Eine höchst anregende Ankündigung für einen Vortrag, den das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien am 7. April um 18.00 Uhr c.t. ausrichtet. Barbara Wurm referiert als IFK Junior Fellow im Rahmen ihres Forschungsprojekts "Blicktest, Sehschule, Zuschauerforschung. Biopolitik des Sehens im sowjetischen Nicht-Spielfilm der 1920er-Jahre" über "Den Blick im Auge. ZuschauerInnenforschung in der sowjetischen Filmavantgarde".
 

 

    Eine Urszene des filmischen Sehens findet Barbara Wurm in der Schlusssequenz von Dziga Vertovs Avantgardeklassiker "Mann mit der Kamera" (1929): schwache Menschenaugen vor der mächtigen Filmleinwand. Es flackert, flimmert, minutenlang. Am Ende wieder ZuschauerInnen: vor dem Film, im Film. Mit dem letzten Rest ihres Sehvermögens nehmen sie auch Spuren ihres eigenen Sehens wahr: aufgerissene Augen und Münder, gebannte Blicke. Plötzlich Bildstörung - das Staccato aus rasenden Zügen und Kinoapparaten wird unterbrochen von den Frequenzen des Signals selbst. Im Saal: Irritation. Barbara Wurm rekonstruiert die sowjetischen 1920er-Jahre als eine Epoche der Sorge um den/die ZuschauerIn. Nie war ZuschauerInnenforschung erfindungsreicher, nie wurden Reaktionen so minutiös verzeichnet (ob auf Film oder Papier), nie war aber wohl die Frage umstrittener, wie das Auge zu erziehen sei. Normierung oder Überschreitung - was politisches Agieren durch Zelluloid bedeutet, stand erstmals offen zur Debatte.

 

Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 7. April 2008, 18 Uhr c. t.
 


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