Polnischer Dokumentarfilmer

posted by SHorváth on 2008/02/27 20:08

[ Fokus: Polen / Focus: Poland ]

Marcel Łoziński, der zum wichtigsten Vertreter der "neuen Wende" im polnischen Dokumentarfilm avancierte, ist die diesjährige Retrospektive des ZabrebDox International Documentary Film Festival, das noch bis 2. März läuft, gewidmet.

 "Von Beginn seines Schaffens an demaskierte er die Unwirklichkeit des von der kommunistischen Propaganda kreierten Weltbilds“, heißt es in einer kurzen biografischen Darstellung auf der vom Adam-Mickiewicz-Institut geführten Internetseite www.culture.pl.
 

"Nach 1989 war die Situation für debütierende Dokumentarfilmer, die den Anspruch hatten, ein eigenes Bild von unserer polnischen Wirklichkeit zu zeichnen, paradoxerweise schwieriger als für uns, die wir unsere ersten Filme in den 70er-Jahren machten. Paradoxerweise, da man nach unserem 'Sieg' doch hätte glauben können, dem polnischen Dokumentarfilm würden sich neue Perspektiven auftun. Doch es geschah das Gegenteil. Ich denke, dass es dafür drei Gründe gibt.

Erstens: Die Wahrnehmung und Analyse der Wirklichkeit war zu der Zeit, in der ich debütierte, um vieles einfacher als heute. Damals gab es UNS, die Gesellschaft, und SIE, die Machthaber. Die Wertehierarchie war klar und die Wahl des Standpunktes eine Selbstverständlichkeit. Das demokratische System, mit all seinen Konsequenzen, hat diese Wirklichkeit um einiges komplizierter gemacht. Viele Wörter verloren ihren ursprünglichen Sinn. Die Wirklichkeit hörte auf nur noch schwarz oder weiß zu sein und wurde wesentlich schwieriger zu beschreiben. Das ist keine leichte Herausforderung für unsere jungen Filmemacher, die nach neuen Wegen suchen müssen, um zu den tieferen Schichten der Wirklichkeit vorzudringen.

Zweitens: Die finanzielle Zensur, die auf die politische Zensur folgte, hat sich als schwerer umgehbar erwiesen. In der ideologischen Mauer gab es Risse, durch die wir hindurchgehen und so die Würde unserer Kameras wahren konnten. Die finanzielle Zensur ist undurchlässiger. Heutzutage ist der Dokumentarfilm von vornherein auf den kleinen Bildschirm festgelegt. Die große Chance, die uns einst das Fernsehen als Koproduzent und Sender von Dokumentarfilmen bot, ist inzwischen zu einer Falle geworden. Die Fernsehsender haben sich längst der Sensation, den billigen Emotionen, der Oberflächlichkeit und dem Schund verschrieben. Das Fernsehen hatte nebenbei bemerkt schon immer bestimmte Ziele und Propagandafunktionen. Daran hat sich nichts geändert. Man verwendet nur andere Methoden, weil man etwas anderes zu verkaufen hat. Zur Zeit des Kommunismus war es eine Ideologie, jetzt sind es Einschaltquoten. Die jungen Dokumentarfilmer haben es schwer, diese neue Mauer mit wirklich eigenen Projekten zu durchbrechen.

Drittens: Als ich anfing Filme zu machen, war ich nicht allein. Im Studio für Dokumentarfilme versuchte ich gemeinsam mit Freunden (Kosinski, Kieslowski, Zygadlo, Wiszniewski, Kedzierski, Kamienska) das zu zeigen, was zuvor niemand beschrieben hatte: das wahre Gesicht der polnischen Wirklichkeit, die damalige gesellschaftliche Katastrophe und den Bewusstseinszustand der Menschen in unserem Land. Wir waren eine geschlossene, solidarische Gruppe. Heute sind die jungen Filmemacher auf sich allein gestellt. Die Branche ist gespalten, atomisiert. Ohne Solidarität ist es viel schwieriger den kommerzialisierten Medien jenen eigenen Autorenstandpunkt aufzuzwingen, ohne den der Dokumentarfilm nicht existieren kann. Trotz all dieser lähmenden Barrieren entstand auch nach 1989 eine ganze Reihe wahrhaftiger und bedeutender Dokumentarfilme. Talent, Leidenschaft und Hartnäckigkeit - diese Werte sind im polnischen Dokumentarfilm nach wie vor lebendig."

(Marcel Łoziński)


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