Veranstaltungen - Conferences - Part 24

posted by SHorváth on 2007/01/16 21:50

[ Veranstaltungen - Conferences ]

Wort und Fleisch. Kino im Spannungsfeld von Text und Körper

Diesem höchst spannenden Thema widmet sich das 12. Internationale Bremer Symposium zum Film vom 18.-21. Jänner 2007. Zu den ReferentInnen zählen u.a. Christa Blümlinger, Richard Dyer und Wolfgang Beilenhoff (Titel der Vorträge siehe weiter unten). Das Rahmenprogramm beinhaltet sowohl ein ausgewähltes Filmmaterial als auch erstmals ein Kolloquium internationaler NachwuchswissenschaftlerInnen, dessen Ergebnisse im Rahmen des Symposiums vorgestellt werden.
    Kino gehört historisch gesehen zu den Jahrmarktsattraktionen, die unmittelbar auf körperlich erfahrbaren Genuss zielen. Diese unmittelbare Wirkung auf den Körper zieht sich bis heute durch die Kinoerfahrung des Publikums, und es wurde immer wieder versucht, sie noch zu steigern. Die direkte körperliche Wirkung des Kinos zeigt sich besonders deutlich in den Filmen des aktuellen Blockbusterkinos: Noch bevor wir als Zuschauer im Kino die Bilder und Töne des Films entziffern, erschüttern sie unsere Körper.

    Gleichwohl ist das Kino nie ohne Text ausgekommen: Ankündigungen, Filmerklärer und Zwischentitel begleiteten schon den Stummfilm. Bis heute gilt das Drehbuch als textuelle Grundlage der Filmproduktion. Und selbst das "reine" Kino, wie z.B. Dziga Vertovs Film "Der Mann mit der Kamera", der ohne Drehbuch und Dialoge auskommt, beginnt mit einem erklärenden Text. In der Rezeption entfaltet sich Film stets auch als eine Struktur, die Texte hervorbringt: als Erzählung, als entschlüsselbares Kunstwerk oder als Energiefeld, das immer neue Texte und Bedeutungen produziert.

    Das Kino nimmt die unterschiedlichen Register von Text und Körper aber nicht nur in Anspruch, sondern es verbindet sie auch miteinander. Gerade die Filmrezeption gestaltet sich als ein Wechselbad von Textproduktion und körperlicher Affizierung, die in Tränen, Lachsalven und "Gänsehaut" ihren Ausdruck findet. Und auch auf der Leinwand findet diese Verbindung statt, wenn die Körper der Sprechenden in Aktion gezeigt werden und sich die Aktion als Text konstituiert.
    Im Diskurs der Film- und Medienwissenschaft spielt die Dimension des Körpers seit den neunziger Jahren eine bedeutende Rolle. Untersucht werden die Repräsentation des Körpers, die Bedingungen der Rezeption, die Verbindung von Body und Gender, die spezifische Medialität des Films etc. Das Somatische wird in vielen Positionen zum zentralen Forschungsgegenstand. Das war nicht immer so. Seit den sechziger Jahren wurde vor allem in Frankreich und im angloamerikanischen Raum der Film fast ausschließlich als eine Form von Textualität begriffen. Diese Ansätze entwickelten sich im Umfeld von Semiotik, Strukturalismus und Psychoanalyse. Dabei wurde nach den Möglichkeiten der spezifisch filmischen Bedeutungsproduktion und -konstitution gefragt. Beide Perspektiven auf Film – die neueren Ansätze zum Körper und die klassischen Texttheorien – stehen bislang eher nebeneinander oder werden als Oppositionen aufgefasst.

    Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende Fragen: Ist der Film ein spezifisches Medium der Text-Körper-Relation? Wie verschränken sich die Dimensionen von Text und Körper in der Filmrezeption? Wie lässt sich der Zusammenhang von Text und Körper in der Filmtheorie untersuchen? Wie wurde bisher in den Texttheorien die Dimension des Körpers diskutiert, und wie behandeln die neueren Körpertheorien die Textualität des Films? Warum ist ausgerechnet die Cinephilie ursprünglich mit den textuellen Ansätzen verbunden? Was macht die Blockbusterproduktionen so geeignet für den Körperdiskurs? Welches sind neben den Filmen von Almodóvar, Cronenberg, Lynch, Haneke, Ozon oder Fincher die aktuellen Trends des Kinos im Spannungsfeld von Text und Körper?


Es werden folgende Vorträge gehalten:

VORTRAG 1 | Wolfgang Beilenhoff | BOCHUM/KÖLN
Vom Gestus zum Text - Sowjetischer Kollektivkörper

VORTRAG 2 | Thomas Morsch | BERLIN
Die Ästhetik des Schocks – Der Körperdiskurs des Films und die ästhetische Moderne

VORTRAG 3 | Sabine Nessel | BERLIN/FRANKFURT A. M.
Kino und Ereignis – Konstruktionen des Kinematografischen vor und nach Christian Metz

VORTRAG 4 | Gabriele Jutz | WIEN
Das Rohe und der Code – Zu den Verkörperungsbedingungen des Cinéma Brut

VORTRAG 5 | Klaus Theweleit | FREIBURG/KARLSRUHE
Übertragung und Gegenübertragung – Der 3. Körper, Schwingungsobjekt zwischen Mensch und technischen Medien

VORTRAG 6 | Richard Dyer | WARWICK UK
Singing Prettily – Lena Horne in Hollywood

VORTRAG 7 | Domènec Font | BARCELONA
Menschliches, Allzumenschliches – Rituale des Zeitgenössischen Vampirismus

VORTRAG 8 | Christa Blümlinger | PARIS
Bildstillstand als poetische Figur filmischer Reflexion: Zu R. W. Fassbinder

ABSCHLUSSVORTRAG | Winfried Pauleit | BREMEN
Wort und Fleisch


Der Programmflyer [.pdf] mit den Abstracts sowie den Details zu den einzelnen Filmen ist auch auf der Veranstaltungssite www.kino46.de abrufbar.

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