Stummfilm - Silent Film - Part 4

posted by SHorváth on 2005/06/23 18:57

[ Stummfilm - Silent Film ]

Germaine Dulac gilt nicht nur als die erste feministische Filmemacherin und Pionierin des Stummfilms. Als zeitweilige Leiterin der französischen Filmklubbewegung stand die Regisseurin darüber hinaus im Zentrum der filmkritischen und -theoretischen Debatten im Frankreich der Zwanzigerjahre und hat außerdem gegen Ende der Stummfilmzeit mit ihren filmhistorischen Artikeln wesentlich zur Überlieferung der ersten französischen Avantgarde beigetragen. Freitag Nacht werden auf Arte zwei unlängst restaurierte Fassungen aus ihrem erst kürzlich erschlossenem, umfangreichem Nachlass gezeigt.
 

Als vielseitige, wagemutige Filmemacherin arbeitete sie im Kontext des französischen Impressionismus und Surrealismus.

Germaine Dulacs Film L'invitation au voyage ist von einigen Zeilen des gleichnamigen Gedichts von Charles Baudelaire inspiriert und versucht, die dort evozierte Stimmung filmisch zu übersetzen. Eine verheiratete Frau bricht aus ihrem unerfüllten Ehe-Alltag aus und trifft auf der Suche nach einem Abenteuer einen jungen Schiffskapitän. Der kurze nächtliche Flirt endet in einer großen Enttäuschung, als der Kapitän entdeckt, dass seine scheue Tischdame verheiratet und Mutter ist.

L'invitation au voyage, Frankreich 1927, SW, Viragiert, Erstausstrahlung, 40 Min.
Regie: Germaine Dulac, Marie-Anne Malleville, Drehbuch: Irene Hillel Erlanger, Germaine Dulac,
Kamera: Paul Guichard, Lucien Bellavoine,
Musik: Die aus Australien stammende Catherine Milliken schrieb eine neue Musik, welche sehr aufmerksam der Montage und dem Rhythmus des Films folgt und dabei jegliche illustrative Doppelung meidet, Mit: Raymond Dubreuil, Emma Gynt, Robert Mirfeuil

La Coquille et le Clergyman ist ein Klassiker des surrealistischen Films. Bei dessen Uraufführung 1928 in Paris kam es zu dem in der Filmgeschichte berühmten Eklat. Allerdings ereiferte sich weniger das Publikum als vielmehr die männliche Vertretung der surrealistischen Bewegung über Germaine Dulacs Film. Man warf der französischen Pionierin vor, Artauds Skript "feminisiert" zu haben und eröffnete so eine langwierige Kontroverse um "La Coquille et le Clergyman", der eine neue, betont visuelle Filmkultur ankündigt.
Der Film erzählt die bizarre und traumhafte Geschichte eines Jungklerikers, der mit einem ordenbehangenen General um die Gunst einer schönen Dame ringt. Antikirchliche Attacken verschmelzen mit freudscher Traumsymbolik und surrealen Assoziationen, die dem Film eine poetische Qualität geben.

In präzise komponierten Einstellungen, Überblendungen und assoziativen Montagen erschließt Germaine Dulac die subjektive Welt ihrer Protagonisten und bedient sich dabei bisweilen ausgefeilter filmischer Tricks. Auch dort, wo äußerlich ein Erzählrahmen besteht, dissoziieren ihre Geschichten in selbstständige Gedanken und Wunschbilder bis hin zur völligen Auflösung eines realistischen Zeit-Raum-Kontinuums. (Arte)
 

Man muß nach einem Film suchen mit rein visuellen Situationen, dessen Drama aus einem Schock für die Augen entsteht, aufgenommen, wenn man so sagen darf, in der Substanz des Blicks selbst, ohne Verwurzelung in psychologischen Umschreibungen logischer Art, die nichts sind als ins Visuelle übertragener Text. (...) Ich habe versucht, in diesem Drehbuch diese Idee eines visuellen Kinos zu verwirklichen, in dem die Psychologie von den Handlungen verschlungen wird. (Antonin Artaud)

La Coquille et le Clergyman, Frankreich 1928, Synchronfassung, SW, Viragiert, Erstausstrahlung, 40 Min.
Regie: Germaine Dulac, Drehbuch: Antonin Artaud,
Kamera: Paul Guichard, Musik: Iris ter Schiphorst,
Mit: Alexandre Allin (Kleriker), Lucien Bataille (Offizier), Genica Athanasiou (Frau)

Arte: 25. 6., 00:45Uhr und 01:25 Uhr

 

http://kakanienneu.univie.ac.at/static/files/28275/dulac.jpg


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