Sprachgötzen

posted by Katalin Teller on 2008/01/23 14:22

[ Verbotene Worte | Fobidding Words ]

Auch in den neuerlich online gestellten Texten der digitalen Anthologie Verbotene (W)Orte wird v.a. eine Umschau nach den Grenzen der versprachlichten Kultur, Politik und Geschichte gehalten: Ilija Trojanows beeindruckende Bestandsaufnahme cloning gods, reading barcodes, die eine verwirrende Überlagerung von Tradition und Moderne, von Sprachen und Nicht-Sprachen, von symbolträchtigen und entleerten Orten und Zeiten im heutigen Indien vor Augen führt, kann wohl für die Sammlung als stellvertretend angesehen werden. Denn die Frage, wo die sprachlich bedingten und folgerichtig kulturell geprägten Grenzen verlaufen, wie sie auf Imagologien und Geschichten auswirken, was überhaupt eine Grenzerfahrung bedingt, stellt sich mit besonderem Nachdruck am Ufer des Ganges:

a day’s trip down-river, in varanasi, a man called mahantji mishra is trying to save the ganges. as a believer, he says, i have to have my daily snaan in ganga mataji. as a scientist, a professor of engineering, i would not even put my toe into this filthy river. life is like a stream, he says, one bank is the vedas, the other bank is the modern world with all its science and technology. if both banks are not firm, the water will scatter. if they hold, the river will run its course. a surprising metaphor from somebody who has lived all his life at the banks of the ganges. for this river is a master of discontinuity. it changes its course constantly, it floods and it recedes, it scatters its blessings. creation and invention are no longer two opposing banks, two separate realities.

 

Brüche und Kodierungen, die aber ihre Konturen und ihren festen Charakter im Laufe der Zeit verlieren und somit Felder für Neubeackerung bereit stellen, werden auch im Romanauszug Minervas Versteck von László Márton heraufbeschwört:

So sind sie, diese großen Herrscher und andere Hansel, Überkluge und Überstolze: Blasen sich mit ihrem gesunden Verstand auf, doch sobald das Unglück sie demütigt, greifen sie nach jedem Strohhalm, dann ist ihnen jeder Aberglaube recht. Aber auch der als Götze verehrte gesunde Verstand hat seinen Aberglauben! Im Sinne des schädlichsten und beliebtesten beginnen sich, die bedeutenden Gedanken zur Gestaltung der Welt in der rohen Volksmasse herauszubilden, um dann aus der Menschenmenge emporzusteigen und schließlich im Geiste eines kleinen Kreises von Denkern heranzureifen und so zu ihrem vollendeten Ausdruck zu gelangen. Dabei ist es nicht so, sondern umgekehrt: Denn die großen Gedanken entstehen in den Köpfen der stärksten Denker, sie sind selten gestreut, und verbreiten sich erst später, nachdem sie die Bedürfnisse der Volksmassen umgeformt haben; sie werden populär, indem sie verarmen, verblassen und verflachen.

Eine Bestandsaufnahme, die sich in Mártons Geschichte voll ausloten lässt: Nämlich in der Neubesetzung von Orten (s. die meisterhaft geschilderte Straßenszene in Linz), durch die der schlummernde Sprachwahn von Babel mit der Machtergreifung Hitlers neu erweckt wird.

Sowohl bei Trojanow wie bei Márton handelt es sich um die Aufzeichnung von Symptomen, die vielleicht weniger die gewollte Manipulierbarkeit von Bedeutungen, sondern eher eine der Sprache von vornherein eingeschriebene Wandlungsfähigkeit mit weit gehenden Folgen sichtbar machen: Bezeichnend ist in dieser Perspektive bspw. die Ratlosigkeit von Historikern, dessen unzulängliche Erkenntnisse angesichts der Geschehnisse in Deutschland 1933 in einem Artikel der Wochenschrift Der Spiegel (Nr. 3/2008) mit dem Titel Triumph des Wahns angeprangert wurden.


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