Entzeitigt

posted by ush on 2008/01/01 15:43

[ Verbotene Worte | Fobidding Words ]

Eine Literatur, die sich heute um unser Verhältnis zum Vergangenen sorgt, müßte uns lesend spüren lassen, daß wir selbst baldige Tote sind. Wer sich lesend als zukünftigen Toten erlebt, als zukünftigen Toten genießt und ehrt, hätte augenblicklich das Rechte richtig gelesen.

Dies ist zum Ende von Georg Kleins Essay, der Als Vortrag gehalten auf der Tagung Die Macht der Erinnerungen in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar am 12.Mai 2004 gehalten und nun in Verbotene Worte publiziert wurde, zu lesen.

Georg Klein zollt dem Geschäft mit der Vergangenheit eher Geringachtung, die großen Diskussionen um Gedächtnisse sind eher als medialer Effekt zu verstehen. Blut, Schuld und Sühne, Opfer und Täter, bessere Zeiten und schlechtere Zeiten machen sich vor allem ins Bild gesetzt gut. Wobei die Literatur der Leinwand fast nur hinterher hinken kann.

Die oben zitierten abschließenden Sätze lesen sich fast wie ein Plädoyer auf die Science Fiction, sofern diese eben nicht auch mit der Vergangenheit in der Zukunft beschäftigt ist, Ägypten auf ferne Planeten verlegt und galaktische SS-Offiziere in den Krieg gegen minderwertiges Leben schickt, dessen Vollwertigkeit dann doch später entdeckt, der Fehler bedauert und militaristisch weitergemacht wird.

Ich verheimliche es nie, - ich bin eine große Anhängerin von Science Fiction. Ich bin auch eine, die Georg Klein immer mit Genuss und Gewinn gelesen hat. Die Gegenwart als Tote beweinen und zum Tod Ja! zu sagen, das verstehen seine Texte. Den Anstrich Humor und Leichtigkeit, die das Rechte richtig gelesen möglicherweise zum Wahrscheinlichen anscheinend gelesen machen könnte, tritt in Literaturen dies- und jenseits der "harten" SF hinzu. Ich denke an Alban Nikolai Herbst, an Thomas Glavinic, an Thomas Pynchon, an Margaret Atwood...

Vergangenheiten, Gegenwarten, ebenso wie Zukünfte sind Sprach(kunst)werke - vorerst. Das "zarte Schaudern" einer solchen Literatur speiste sich nicht nur aus dem Vorwegnehmen des eigenen Todes, sonder auch aus den fragilen und vermessenen Architekturen der Sprache und deren Subtext des Abgrundes der Vergangenheit, die war. Vorbei ist. Weiterhin wirkt.


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