Wissen durch Störung

posted by Hana Blahova on 2007/12/10 13:33

[ Emergenzen | Emergence ]

Die technische Errungenschaft - das Telefon - das eigentliche Zufallsprodukt der naturwissenschaftlichen Forschung wird von Beginn an als ein Fantastisches Objekt angesehen. Plötzlich gibt es keine Raumgrenzen. Wie Sabine Zelger in ihrem Beitrag schreibt: "Grenzen scheinen wie ausradiert, Zusammenhänge gestiftet, Wegelagerer ausgetrickst." Wie war es aber mit der Wahrnehmung dieses Apparates anfänglich bestellt? Wie sieht es mit der Quellenlage aus, die sich mehr als prekär erweist?

Der Beitrag bietet ein breites Spektrum an Auseinandersetzungen mit dem störenden und gestörten Telefon, die sich als prägend für das Medium zeigten. Mittels drei Gesichtspunkte: der Konstruktion nationaler Differenz; der gesellschaftlichen Differenzierung rund um den Fremdkörper des Münzfernsprechers und schließlich der Inszenierung fantastischer Welten, die das Telefon umgaben, ändert sich der Blick auf die Technik.

In pointierter Weise erfährt man z.B. von Kurt Tucholsky, dem frühesten Nutzer des Telefons, mit welchen Schwierigkeiten man in verschiedenen Ländern zu rechnen hat. Bei Karl Kraus setzt sich der Nörgler in den Letzten Tagen der Menschheit mit der Verbindung zwischen Österreich und Preußen auseinander. Der Telefongebrauch wird von den Literaten dazu genützt, sich der eigenen nationalen oder kulturellen Identität zu versichern und diese zu karikieren, um sich von anderen abzugrenzen oder abzuheben.

Einem futuristischen Szenario gleich, erweist sich das öffentliche Telefon, der neue Münzapparat als Fremdkörper einer anderen Welt, der die eigene Welt stört. Der Verschränkung von Magie und Technizität durch das Medium haftet stets etwas Komisches an; die Inszenierung der magischen Welten und Wesen wird durch die Satire ironisch gebrochen. Bei Walter Benjamin werden die "Nachtgeräusche" und die Telefonstimmen zu eigenständigen Figuren - isoliert von den Sprecherinnen mit Macht und unheimlicher Gewalt ausgestattet.

Der Beitrag von Sabine Zelger führt den/die LeserIn durch die Jahrzente des Telefongebrauches und gibt anhand reicher Quellen Beispiele einer vielfältigen Welt der Wahrnehmung des Mediums wieder.

Das Telefon als beliebtes Nachrichtentransportmittel scheint ungebrochen. Dagegen hat sich jedoch der Umgang mit der technischen Störung verändert. Heutzutage denkt man bei einer Störung nicht mehr an irgendwelche fantastische Figuren, sondern kündigt schlichtweg den Netzbetreiber oder entscheidet sich zum Kauf eines neuen Apparates.


Antworten

01 by ush at 2007/12/14 20:22 Bitte registrieren und/oder loggen Sie ein, um zu antworten
Obwohl in den Hochzeiten des Mobiltelefons die Störung auch wieder zur Regel wird. Über Netzabdeckung in Österreich bspw. ließe sich so manche Schmähschrift und etliches Klagelied verfassen.
Zudem wird auch das Mobiltelefon zunehmend zur Störung - zumindest bei Personen, die ihre Ruhe und Konzentration schätzen, wie ich es tue. Und die Genie kommt manches Mal noch immer übers Telefon daher, wenn wieder einmal ein verkaufsbegeisterte/r Telefonist/in enthusiasmiert versucht, ein Produkt, das nicht nur ein Produkt, sondern das Tor in eine bessere Welt sei, an den Mann und v.a. die Frau zu bringen.

Medien der Mündlichkeit in der Literatur, wie eben das Telefon, oder auch das Tonband - bspw. bei Albahari oder Haslinger (Opernball) - stellen sich neben einer Technikgeschichte ja auch immer irgendwie zur Tätigkeit des Schreibens quer. Darüber ließe sich noch vielfältig nachdenken ...

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