Wild Wild West

posted by ush on 2007/12/25 12:09

[ Emergenzen | Emergence ]

Zirkustreiben, Possen und auf dem Rücken der Pferde liegt immer noch das Glück dieser Erde. Amália Kerekes und Katalin Teller, beide RedakteurInnen dieser Plattform und OrganisatorInnen des Workshops Emergenzen 5 in Budapest im Oktober diese gerade noch gültigen Jahres, jagen die LeserInnen in ihrem jüngsten Beitrag Die wilde Mitte mit Peitschenknall durch die Wildwestshows im Wiener Prater.

Buffalo Bill alias William Frederick Cody rief 1893 die multiethnische Show Buffalo Bill's Wild West and Congress of Rough Riders of the World ins Leben, mit der bereits im "wilden Westen" selbst der Abgesang auf den eigenen Mythos gefeiert wurde: Die Show vermehrte die reitenden Vertreter zahlreicher nordamerikanischer Indianderstämme um Repräsentanten aller möglichen Reitervölker; Mongolen, Japaner, Kossaken ergänzten die Truppe nun. Die Feier der vertriebenen, getöteten und nachträglich verklärten hunnenähnlichen Reiter-Nomaden-Krieger- Natursöhne-Kultur der nordamerikanischen Einheimischen wird so vollends enhistorisiert und zum Zwecke der noch höheren Spektakularität zu einer Art von Kentaurenmythos umgestaltet.

1906 kommt die Reitershow in den Wiener Prater, wo sie laut den Verfasserinnen sich recht nahtlos und ohne großes Auffallen in die allgemeine, dort gepflegte Kultur der Völkerschauen einfügt und als ein weiteres Ethnofest so recht am Platz ist. 

Wodurch die Show auffällt ist die Bewegung, die Performance, das Weggehen vom Praterüblichen Tableau, die es vermag, die Rotunde tatswächlich zum Wilden Westen für die Zeit der Performance zu machen. Die Wildheit, die zelebrierte Kriegskunst vermag, einen abgeschlossenen Horroreffekt zu erzielen. So entsteht ein fantastischer Raum, der ethnopsychologischen Deutungen wie der handelsüblichen kolonialistischen Konnotationen ebenso wie den Multikuli-Effekten des friedlichen Japaners, der mit Arabern, Tscherkessen und Indianern über das Pferd zu einer friedfertigen und sogar gemeinsamen Nachbarschaft findet, entkommt.

Die Autorinnen sprechen nichtsdestotrotz von einer Nivellierungskunst der Fantastik, die sich besondern in den Ausstellungsmechanismen und ebenjener Show zeigen. Ganz deutlich sprechen sie es nicht aus, aber schließen muss man doch, dass über den Kontext von Programmheft, Ausstellungspraktiken, Vermarktung und Rezeption sich der enthistorisierende, entpolitisierende und zugleich entnationalisierende, eben nivellierende Zug der Fantastik ergibt.

Bei den Shows trifft das wohl zu, wiewohl es aus dem Bereich der Fantastik auch ganz andere Beispiele gibt, was festzuhalten ich doch für meine Pflicht halte.


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