Spatial Turn? - Part 3

posted by WFischer on 2007/02/23 11:36

[ Spatial Turn? ]

Zusammenfassung des Impulsreferats von

Andreas Brunner

(Verein für die Geschichte Homosexueller Lebensweisen in Österreich)

Sehr geehrte Damen und Herren,


ich sitze hier als Vertreter der sogenannten Queer-Community. Queer ist ein Begriff, der in den letzten Jahren sehr populär wurde, der aber für meine Ausführungen nicht wirklich zutrifft, denn ich werde ausschließlich über Fragen der schwulen Raumaneignung sprechen. Wie die Vorbereitungsarbeiten zur Ausstellung geheimsache:leben. schwule und lesben im wien des 20. jahrhunderts gezeigt haben, ist eine gemeinsame Geschichte von Lesben und Schwulen eine über weite Strecken konstruierte.


Ich möchte nun in einigen Anmerkungen einen Bogen von der Geschichte in die Gegenwart spannen. Bis 1971 waren Schwule eine praktisch unsichtbare Minderheit im räumlichen Gefüge der Stadt, da jede sexuelle Begegnung mit § 129, Ib mit bis zu fünf Jahren Kerker bestraft wurde. Trotz allem gab es natürlich Orte, die von Schwulen „in Besitz genommen" wurden. Neben Lokalen, in denen sehr oft eine Mischung verschiedenster Gruppen am Rande der bürgerlichen Gesellschaft zu finden war, sind es vor allem Parks und Toiletteanlagen, die als Begegnungsorte sozusagen zweckentfremdet wurden.


Das wohl früheste Zeugnis für eine sexuelle Begegnung in einer Parkanlage - ein Strafakt aus dem Jahr 1841 - erzählt davon dass zwei Männer von einem k.k Hofburgwachgemeinen in flagranti ertappt wurden, wie sie im Volksgarten im Bereich des Theseustempels Afterverkehr ausübten. Noch heute zählt der Rathauspark sommers zu den beliebtesten Cruising-Gebieten der Stadt - sind die Besucher des Opernfilmfestivals einmal in ihren Betten. Dass gerade eine der repräsentativsten Parkanlagen der Stadt so beliebt ist, ist eine Besonderheit Wiens und erregt selbst bei schwulen Touristen Aufmerksamkeit, liegt aber wohl auch daran, dass die Anlage sehr zentral liegt und nachts offen ist.


Wenn wir heute von der Sichtbarkeit von homosexuellen Männern im öffentlichen Raum sprechen, denken wir zu allererst an den Life Ball und die Regenbogen Parade. Im Wien um 1900 wären Formen der Öffentlichkeit, wie sie die Regenbogen Parade repräsentiert, natürlich undenkbar. Parks und öffentliche Toiletteanlagen sind wohl Begegnungsorte, aber in den kriminalisierten Untergrund gedrängt. Sieht man sich die Zeugnissen zufolge recht vielfältige Lokalszene um 1900 an, ist dabei eine eindeutige soziale oder klassenspezifische Differenzierung festzustellen. Der adelige Dichter Leopold von Andrian-Werburg geht in die "Bodega" am Kolowratring, um dort - wie es eine Ausführungen nahe legen - Männer zu treffen. Der proletarische Homosexuelle geht eher in den Prater oder zu Branntweinern in den schlecht beleumundeten Vergnügungsvierteln (dorthin zieht es aber auch großbürgerliche Schwule, wie Ludwig Wittgenstein, der die rauhere Gesellschaft der distiguierten offenbar vorzog). Die soziale Durchmischung von oben nach unten ist möglich, umgekehrt ist die Eroberung eines nicht klassen-adäquaten Raums praktisch unmöglich und meist nur unter Einsatz des eigenen Körper - sprich Prostitution - möglich.


Erst mit der Straffreiheit von Homosexualität wurde es also für Schwule möglich, daran zu denken, öffentliche Räume zu erobern. Hier einige Beispiele:


  • 1980 konstituiert sich der Verein HOSI - Homosexuelle Initiative Wien trotz des bestehenden §221 (Werbe- und Versammlungsverbot), weil die Vereinsbehörde (unter Einfluss der Aussagen von Justizminister Broda) keine Gefährdung der Öffentlichkeit sieht. Ein Informationsstand im Rahmen der Wiener Festwochen wird aber im Sommer 1980 von der Polizei gewaltsam geräumt. Die Zusammenkunft im Vereinslokal wird geduldet, der öffentliche Diskurs über Homosexualität aber unterbunden.

  • Aus der Hausbesetzerszene erwächst ein anders noch heute weithin sichtbares Projekt der schwul-lesbischen Community: die Rosa Lila Villa. Hier erfolgt auf die widerrechtliche Aneignung über Vermittlung von Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner aber die offizielle Anerkennung. Der Beratungsverein, der sich im Haus etablierte, erhält von der Gemeinde Wien das Baurecht für das Haus überlassen, und damit die Möglichkeit mit Mitteln der Althaussanierung das Haus instand zu setzen. Die rosa Farbe der Villa vor der Restaurierung war eine Spende von Buseks Bunten Vögeln.

  • Regenbogen Parade: 1996 zog die erste Regenbogen Parade (damals noch in Fahrtrichtung) über die Wiener Ringstraße. Als einer der Gründungsväter kann ich persönlich bezeugen, wie wichtig uns die Ringstraße als Ort der Parade war. Vorbei an den zentralen identitätsstiftenden Gebäuden der 2. Republik sollte es gehen: Staatsoper, Parlament, Rathaus und Burgtheater sollten passiert werden. Die Polizei und wohl auch die Politik hätte uns gerne anderswo gesehen (so stand die Praterhauptallee als Vorschlag der Polizei zur Diskussion - Homos als Praterattraktion sozusagen!) Das widersprach unserem Motto für die erste Parade: Sichtbarkeit! Im Jahr zwei - durch den Erfolg selbstbewusster - setzten wir auch noch einen letzten Trumpf durch: Seither geht die Parade den Ring „andersrum" (gegen die etablierte Fahrtrichtung). Zieht sie am Rathauspark vorbei, kann man erkennen wie nah Subversion und Repräsentation in der Lebensrealität homosexueller Männer beisammen liegt.
Mehr zu und von Andreas Brunner unter Personalia


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