Ausstellung: Wien - Budapest

posted by Amalia Kerekes on 2010/10/22 22:39

[ Literatur | -e ]

Die nach einem bereits in der Emigration publizierten Märchenbuch von Béla Balázs benannte und u.a. mit einem regelrechten Psychotrip durch die Freud'sche Traumtheorie und deren literarische Umformungen aufwartende  Ausstellung im Petöfi Irodalmi Múzeum "Der Mantel der Träume. Das Wien-Erlebnis ungarischer Schriftsteller 1873-1936" bietet Vertrautes und vom dokumentarischen Wert her Exotisches bis Februar 2011.

Vertraut erscheinen die Strecken über Sissi, das Kronprinzenwerk, Neues hingegen die Installation über die ungarische Teilnahme an der 1873er Wiener Weltausstellung hauptsächlich auf dem Bereich der bildenden Künste. Die zeitliche Differenzierung, wie auch im Fall der vergleichbar konzipierten Ausstellung über Berlin, wird dabei leider ausgeklammert und politische Migration mit bildungs- und karrierentechnischen Ortswechseln vermengt dargestellt. Dass dem an sich besonders vielschichtigen und zum Teil neuen Korpus somit insgesamt die Note des friedlichen Beisammenseins verliehen wird, täuscht letztlich über jene Spannungen hinweg, die zur Neuverortung der hartnäckig kursierenden Klischees und der aus ungarischer Sicht tagespolitisch brisanten territorialen Phantasmen beitragen könnten, deren differenzierte Darstellung am Beispiel des Kronprinzenwerks nicht zuletzt dank den Vorarbeiten von Christiane Zintzen sogar nahe liegend gewesen wäre. Die Schwierigkeit, die ungarische Avantgarde in Wien einzuordnen, markiert ein vergleichbares Dilemma: Zwar wissenschaftlich begründet, da eine wesentlich intensivere Orientierung nach Berlin und Paris zu vermerken war, als die etwaige Einbettung ins Wiener Umfeld, hätte dieses Sachverhalts samt politischen Kontext zumindest als Erwähnung bedacht werden sollen.
Bei all den beanstandeten Griffen der De- und Hochpolitisierung der zwischenstaatlichen Verhältnisse hätte dieser an Raritäten äußerst reichen Ausstellung, die demnächst in das Wiener Theatermuseum weiterwandern wird, sehr wohl getan, die sich voneinander massiv unterscheidenden Etappen der österreichisch-ungarischen Beziehungen in einem historischen Längsschnitt deutlicher sichtbar zu machen. Und das nicht nur im Sinne der Aufwertung des politischen Umfelds, sondern weitaus produktiver im Nachweis eines Spektrums, das von der hochkonsolidierten Operettierung des Landes bis hin zu der unrecht politisch kastrierten Avantgarde und ihrem bildungspolitischen Nachhall reicht. Der nächste Schritt der BesucherInnen Richtung Mikszáth in die benachbarten Räume (zum Umfeld seines in der Rákóczi-Zeit spielenden Romans und seiner politischen Tätigkeit Anfang der 1900er Jahre) stellt eine erfrischende Kostprobe aus der Ausstellungsarchitektur dar. 

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