Wien U-Bahn

posted by Katalin Teller on 2009/03/22 21:02

[ Klassengesellschaft revisited ]

Was doch der Zufall für ein großer Herr ist! Fuhr da eines schönen Tages der Bürgermeister Neumayer nach Paris und wir ahnungslosen Zeitgenossen dachten, er reise bloß hin, um sich zu überzeugen, daß das Französische ein durchaus unverständliches Idiom sei, und um einige gerührte Küsse auf die Lippen seines gallischen Kollegen zu drücken. Aber wir irrten: jene Fahrt war vielmehr ein Ereignis von wichtigster Wichtigkeit für die ganze Stadt, sozusagen ein Haupttreffer, den Wien in der Schicksalslotterie zug. Denn unser erster Bürger ist bei dieser Gelegenheit in dem "Metro", der Pariser Untergrundbahn gefahren und mit jener Plötzlichkeit, die dem Genie nun einmal eignet, kam ihm der Gedanke: "Warum haben denn das die Wiener nicht?"

Diese ersten Zeilen eines Feuilletons im Morgen v. 27. März 1911 geben den Auftakt zum Ludwig Bauers Überlegungen, wie eine U-Bahn das gesamte Leben einer Stadt verändern kann und lassen sich z.Z. v.a. auf die Budapester Warteposition beziehen. Eine Utopie, aber umso schöner... So geht es denn auch weiter:

In der Tat, warum haben sie es nicht? Man könnte nun einwenden, jene Frage wäre naheliegend. Aber Entdeckungen werden durchaus nicht durch ihre Entfernung oder durch ihre Schwierigkeit bedeutsam, sondern durch die Kraft der in ihnen zusammengepreßten Notwendigkeit. Übrigens, entscheidend ist, daß dem Bürgermeister die Untergrundbahn gefiel. Nichts anderes bestärkt uns ja so lebhaft in der Eitelkeit auf unser Jahrhundert. Eine Zauberhöhle öffnet sich im Boden, immer tiefer steigt man auf breiten Treppen in die Erde hinein, die sich wohlerzogen makadamisiert präsentieren, und dann befindet man sich in einer tadellos lichten Unterwelt, womöglich mit Plakaten und den neuesten Journalen. Überall laufen Schienen, blinken im Lichte der Stationen und verlieren sich geheimnisvoll im Dämmer der ewigen Tunnels. Dann schwirren helle, kleine Züge herbei, die sich hier begrüßen, um sofort nach allen Richtungen zu verschwinden. Mit hochmütiger Selbstverständlichkeit lesen oder schwatzen die Menschen in diesen hellen Wagen, keiner von ihnen bedenkt das Wunder, daß über ihnen der Taumel einer großen Stadt tobt, ihr vielfältiges, verknüpftes Leben, Straßen voll Wirbel, weithin unterminiert von diesen komfortablen, trefflich gelüfteten Höhlen, in denen sie gleiten. Kleine, unermüdliche Leuchtwürmer, so sausen diese zahllosen Züge in dem Innern der Stadt, den Bahnen ihres Blutes folgend. Dann verläßt man sie auf irgend einem weiten unterirdischen Platze, kann sich aus den vielen Treppen jene wählen, die uns zu unserer Bestimmung führt, und während nebenan die Erde die Menschen schluckt, steigen hier die anderen wieder zu ihr auf, ist man auf einmal am anderen Ende der Metropole, und überraschend dringt in unsere, von der unterirdischen Ruhe beschwichtigten Sinne ihr gebieterischen Schrei. Oder es vollzieht sich wohl gar, wie in Berlin, das verblüffende Abenteuer, daß die Züge der gleichmäßigen Mauern unter der Erde überdrüssig zu werden scheinen, und jählings steigen sie empor, wie von einer unbegreiflichen Macht getrieben. Die Erde bleibt zurück, der wohltätige Kerker öffnet sich, es ist fast wie ein Fliegen, und auf einmal klettert der Zug berauschend mühelos und leicht hinauf, erhebt sich triumphierend über die Stadt und vor der Hochbahn liegt, wie ein Wunder, dann die weite Stadt brausend und dampfend unter uns, eine Überwundene.

Dies alles wartet noch auf uns.

Ja, es ist nicht alles auszudeuten, was geschehen wäre, wenn damals die Abordnung der Wiener Stadtvertreter nicht nach der guten Stadt Paris gefahren wäre. Zweifellos wäre dann hieramts die Existenz der Untergrundbahnen noch immer unbekannt. Jetzt aber sind wir unendlich weiter, wir stürmen geradezu vorwärts. Hurrah, wir haben schon eine Konferenz! Es gibt bereits Gutachten, Erklärungen, Communiqués! Leider hat sich eine der Körperschaften, die der Hintanhaltung des städtischen Verkehrs eifervoll dienen, noch keine Meinung über die Untergrundbahnen bilden können. Aber jetzt erkundigt sie sich auch schon, ob es wahrhaftig so etwas gibt. Und dann … o, dann tritt wieder eine Konferenz zusammen!

Der Wohlwollende denkt: Die Frage wird eben besonders gewissenhaft geprüft. Indes, man kann vor solchem Wohlwollen nicht genug warnen; denn es drückt auf unsere Gegenwart, belastet unsere Zukunft und verschuldet neun Zehntel aller Schwierigkeiten, unter denen wir leiden – leider meist, ohne es selbst zu wissen. Es gibt da zwei Wahrheiten. Die erste: Es wird gar nicht „geprüft“, sondern es geschieht bloß nichts. Das ist doch ein Unterschied, nicht wahr? Die zweite: Diese Frage ist gar keine Frage, weil es längst auf sie keine andere Antwort gab als unter dem Pflaster gleitende Züge. Wir besitzen ja dafür auch schon alles: Projekte, Pläne, Vorschläge; wir besitzen auch die Erfahrungen der anderen Städte; wir besitzen auch ungezählte Millionen Jahresfahrgäste; nur die Untergrundbahn besitzen wir noch nicht. Wie konnten wir so weit zurückbleiben? Weil jeder Wiener die Fiaker- und Hausmeisterwelt, diese munteren Gespenster unserer Gegenwart, mit sich herumträgt. Wir haben eine schreckliche Angst, zu amerikanisieren, wir fürchten, im lärmenden Wirbel der Weltstadt eben jenes Wien zu verlieren, das wir lieben, zu einer gleichgültigen Weltstadt Nr. 7 zu werden. Aber dabei bemerken wir gar nicht, daß wir bereits mitten auf dem Wege sind, den zu beschreiten wir uns sträuben. Der Luxus wirbelt uns auf, das Tempo der Existenz beschleunigt vom Ländler zu Galopp, die Lebensbeziehungen werden verwickelt, täglich verlieren wir irgendwo ein Stück der sanften Zufriedenheit und so haben wir denn, da wir widerwillig zur Weltstadt wurden, nur die Wahl, ob wir eine schwerfällige und ungeschickte Weltstadt sein wollen. Das ist so sonderbar an dieser Stadt, daß es in ihr eine solche Menge zerfallender, spezieller Begabungen gibt und so wenige, die es verstehen, sie zusammenzufassen, aus ihnen ein großes Werk zu schaffen. Wie ein Symbol ist es, daß die besten Kellner auf der Welt die Wiener sind und daß Wien dabei die einzige große Stadt ist, die noch kein Hotel mit allen Schikanen des modernen Komforts besitzt. Das Ingenium fürs Große und das Ingenium fürs Praktische sind unentwickelt. Noch sind wir nicht so weit, daß wir auf der Straße gehen können, wir stoßen fortwährend mit anderen Passanten zusammen, wir stauen uns bei Auslagen, weil wir nicht die Übung haben, sie flanierend, mit einem raschen Blicke aufzunehmen und weil wir hemmungslos dem liebenswürdigen Kindergelüste folgen, die aufgestapelten Schätze Stück für Stück mit den Augen zu karessieren. Ein überflüssiges Getöse erfüllt die Straßen, weil die Kutscher und die Chauffeure an unserer raschen Auffassungsgabe und Sicherheit zweifeln, und das mit Recht. Stehen wir doch bei den harmlosen Kreuzungen, die der Pariser oder Londoner als kaum belebt betrachten und mit selbstverständlicher Ruhe überschreiten würde, gleich hilflosen Bäuerlein, die zum ersten Male in einen solchen Wirrwarr geraten. Dieses Versagen der Organisation, man spürt es bei jedem ankommenden und abgehenden Eisenbahnzug, an jedem Postschalter, bei jedem Telephonanruf. Das ist ja wohl die groteske Tragik des heutigen Wieners, daß er, zur Idylle geboren, vom Schicksal zum Leben in einer Millionenstadt verurteilt wurde.

So gibt es ahnungslose Gemüter, die vermeinen, eine fehlende Untergrundbahn sei nur eben ein kleiner Schönheitsfehler, eine Kindlichkeit, die auch vom A-B-C einer Großstadt noch nichts weiß. Nie wäre der Aufschwung Berlins denkbar gewesen ohne seine Verkehrsmittel, die immerzu neuen Platz für neue Kräfte wirken. Eigentlich steckt in der Untergrundbahn bis zu einem gewissen Grade die Heilung aller wienerischen Leiden. Die ungeheuren Gebiete der Stadt würden damit aus fast wertlosen Flecken zu neuen Zentren, ungeahnte Werte wüchsen aus dem Boden. Das sieht aus, als bedeute es eben nur Geld, aber wenn je in Geld alles andere steckt, so hier. Denn dann würden die Wiener erst das Geheimnis der modernen Städtekultur erfassen: zu wohnen. Das heißt, sie würden nicht, wie bisher, in engen, luftleeren Räumen aneinandergepreßt hocken müssen, es gäbe Badezimmer, Erker, Balkons, Gärten, denn es gäbe Platz. Jetzt bedeutet er nur einen Bilanzposten für Grundspekulanten: wer wird da draußen wirkliche Heimstätten bauen? Denn da können nur Ansiedler wohnten, die nichts in Wien zu tun haben. Dann aber, wenn eine elektrische Schnellbahn unter dem Pflaster dahinschwirrt, ist man von den Abhängen des Wienerwaldes, von der ganzen riesigen Peripherie der Stadt in fünfzehn Minuten mitten in ihrem Herzen, einige Nachtzüge sorgen, daß man nie abgeschnitten, ist und es ist wieder Raum für alle auf der Wiener Erde.

Es ist eine rührende und lächerliche Naivetät, anzunehmen, die Hauseigentümer werden sich jemals mit einem niedrigeren Ertrage begnügen, als mit jenem, den sie gerade noch erreichen können. Wen es befriedigt, der mag sie deshalb als hartherzige Blutsauger verwünschen: in Wahrheit tun sie nichts anderes als die Schimpfer selbst, die ihre Leistung, ob sie Beamte, Arbeiter oder Kaufleute sind, durch passive Resistenz, Streiks und Preistreiberei so hoch wie möglich verkaufen. Die Wohnungsfrage ist keine Frage der Moral, sie ist eine Frage der allgemeinen Tüchtigkeit, und die Folgen ihrer tatkräftigen Lösung sind neue Lebenswerte. Die paar ersparten Gulden sind keine gleichgültigen Metallstücke, sie bedeuten ein Fahrrad für den Jungen, ein Kleid für die Tochter, weniger Angst für die Frau, die mit dem Wochengelde nicht auskommt, sie setzen sich um die geglättete Runzeln, in freundliche Worte der von Sorgen Befreiten, in Lächeln. Und es wäre ein reizendes Spiel des Zufalles, wenn sie dies alles wandelte, weil der Dr. Neumayer einmal zufällig nach Paris kam. Was könnte daraus in weiterer Folge nicht alles entstehen! Es gibt wunderbare Zusammenhänge. Menschen, mit der holden Freiheit des eigenen Zimmers, nicht mehr mißmutig über die ewige, aufgezwungene Genossenschaft, Menschen, die endlich einmal ein Badezimmer besitzen, und die Sauberkeit dringt unfehlbar wie andere Heilmittel, die äußerlich genommen werden, um innerlich zu wirken, in die Seele. Menschen, die dann sich ein Buch kaufen können oder der Natur nun näher kommen, von ihr in ihren Trieben besänftigt werden! Menschen ferner – aber wer wollte all die Fälle aufzählen? Es gibt so vielen Möglichkeiten, als Leute in den neuen Bezirken wohlfeiler, reiner und besser wohnen können. Unter der Erde führt der Weg ins Wien der Zukunft.

Nun freilich, dies bißchen Untergrundbahn, das natürlich nicht wie die Stadtbahn eine lächerliche Parodie sein dürfte, ist nicht alles. Indes, es wäre ein Zeichen, daß die Kraft, die in dieser aufwachsenden Stadt treibt, unwiderstehlich ist. Dann werden wir wohl auch kein dörfliches Pflaster mehr haben und weltmännische Hotels und vielleicht sogar Haustorschlüssel. Und es wird sich herausstellen, daß Wien um nichts weniger sein und liebenswürdig geworden ist, auch wenn wir rascher und geschäftsmäßiger sein werden. Vielleicht werden einige Bidermeier-Veduten durch die Untergrundbahnstationen leiden, aber wir gewinnen dafür die Aussichten auf neue Gesundheit und neues Glück. Freilich – vorher müssen wir uns entschließen, nicht mehr zu warten, sondern entschlossen uns mitten ins neue Leben zu werfen, mitten in seine wildesten Straßenkreuzungen. Es sind die Ängstlichen, die zuerst überfahren werden.


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