Klassengesellschaft revisited - Part 2

posted by WFischer on 2007/04/26 23:20

[ Klassengesellschaft revisited ]

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Klassengesellschaft Revisited

Dokumentation des Zweitreferats

Diese bescheidene Präsentation ist ein improvisierter Ersatz für das eigentlich geplante zweite Impulsreferat zum heutigen Nachmittag, das leider ausgefallen ist.

Bei der Vorbereitung dieses Nachmittags hatte ich den Eindruck: Wenige wollen sich zu dem Thema noch äußern oder halten ihre Arbeit für profund genug das noch mit Autorität zu tun.

Ist der Begriff aus der Mode gekommen? Falls ja, dann hat das m. E. mehr mit den Entwicklungen des 21. Jahrhunderts zu tun als mit dem historischen Beschreibungsgegenstand, dem 19. Jahrhundert. Vor hundert Jahren war die Vorstellung, in einer Klassengesellschaft zu leben, selbstverständlich. An unserem letzten Diskussionsnachmittag haben wir detailliert gehört, wie das Wahlrecht auf verschiedenen Ebenen die Wähler (und zu geringem Teil die Wählerinnen) in Klassen einteilte. Es war also offiziell opportun, nicht etwa eine verdrängte Realität, wie man für das 20. Jahrhundert argumentieren könnte. Dennoch ist es in der Geschichtsforschung um den Klassenbegriff still geworden, es scheint wenig Diskussionen zu geben, die sich mit Arbeitern, Bürgertum, Bauern oder Mittelstand im 19. Jahrhundert befassen.

Die Gründe, dafür dass der Klassenbegriff allgemein an Attraktivität verliert, die im 21. Jahrhundert liegen sind wohl vielfältig; erwähnen sollte ich vielleicht den Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und der entsprechenden Parteien im Westen, die neuen Themen der sozialen Bewegungen seit den 80er Jahren (Ökologie, Geschlechterkampf, gender issues), die allgemeine Überzeugung, dass Klassenunterschiede verschwunden seien und dass sich der Großteil der Bevölkerung dem Mittelstand zurechnet; ethnisch-nationale Konflikte ziehen im Gefolge der Transitionsentwicklungen im Postsozialismus die Aufmerksamkeit auf sich (Jugoslavien), damit verbunden ist der Boom des Identitäts-Begriffs, verstanden als nationale Identität; außerdem gab es bekanntlich, bzw. ist damit verflochten der so genannte Cultural turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Weiter will ich gar nicht spekulieren.

Doch lassen Sie mich noch einige Worte zum so genannten cultural turn sagen, weil das eng mit meinen eigenen Erfahrungen in der Forschung, die ich skizzieren will, zusammenhängt. Cultural turn in Beziehung auf den Abstieg des Klassenbegriffs ist zweischneidig, oder noch komplexer: so waren es doch gerade Arbeiten, die "Klasse" nicht ökonomisch definierten, sondern das Phänomen auf die eine oder andere Weise kulturell erklärten, die den Klassenbegriff sozusagen mit neuem Leben erfüllten und für eine breite intellektuelle Öffentlichkeit interessant machten (Bourdieu, Thompson, Jameson, Williams etc.). Interessanter Weise gilt das, was als cultural turn bekannt ist wie gesagt aber auch als die Entwicklung, die den Klassenbegriff schrittweise durch Identitätskonzepte ersetzt hat, bzw. jegliche Art von Antagonismen zugunsten eines Kulturalismus ausblendet, der immer wieder fälschlich unter dem Etikett cultural studies läuft, wo doch gerade cultural studies ein Projekt klassenbewusster Intellektueller gewesen war. Deshalb bin ich dafür, noch einmal über diese Entwicklung nachzudenken.

Denn wie soll man/frau historische, auch kulturhistorische, Phänomene des 19. Jahrhunderts erforschen, beschreiben, erklären, ohne eine inspirierende Debatte darüber, was Klasse sowohl sozioökonomisch als auch soziokulturell bedeutete, wenn es doch zu der Zeit eine so dominante Kategorie war? Oder wenigstens eine Debatte, die den Status (s.o.) quo hält? Ich denke nicht, dass wir es als gegeben annehmen können, dass wir es mit einer Klassengesellschaft zu tun haben, ohne darüber zu reflektieren, die Frage also einfach ad acta legen. Das ist der Grund, weshalb ich diesen Diskussionsnachmittag organisiert habe (und das gilt in je unterschiedlichem Maße auch für die anderen Themennachmittage).

Ich bin sehr dankbar für die Ausführungen von Andreas Weigl, weil sie zeigen, dass eine sozialdemographische Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft sehr fruchtbar sein kann und weil sie zeigen, mit welchen Methoden wichtige Bereiche der Klassengesellschaft beschrieben werden können. Was ich nun kurz skizzieren möchte, sind Fragen, die sich ergeben haben, während ich versucht habe, Quellen zum Leben in dieser Gesellschaft zu finden, und zwar das Leben von Menschen, die eines gemeinsam haben, wenn auch vielleicht sonst nicht sehr viel: die Herkunft aus einem südöstlichen Gebiet der Habsburger Monarchie. (Die Gründe für diese Vorgangsweise habe ich anderswo dargelegt.) Ich untersuche Aspekte des Lebens dieser Menschen unter dem Gesichtspunkt, dass es sich nicht um eine zusammengehörige Gruppe handelte, sondern vielmehr um Menschen, für die oft ihre regionale und auch ethnische Herkunft keine entscheidende Rolle spielte, oder zumindest nicht die einzige. Ich gehe davon aus, dass in vielen Fällen die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder eben einer Klasse, von größerer Bedeutung war. Das lässt sich zum Beispiel am Beispiel des Heimatrechts schön illustrieren, über das wir letztes Mal schon gesprochen haben («Diskussion Rechte von Frauen und Männern im Alltag»).

Deshalb bin ich für Studien wie jene von Andreas Weigl so dankbar, weil sie mir helfen, die einzelnen Menschen, deren Leben ich bruchstückhaft nachzeichne, in dieser Klassengesellschaft einzuordnen und die Relevanz, die verschiedene Zugehörigkeiten für die Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen hatten, einzuschätzen. Klasse hatte eine enorme Bedeutung für die Handlungsmöglichkeiten, auch und besonders von MigrantInnen.

Die Art, wie ich an die Klassenzugehörigkeit herangehe, ist natürlich eher von den erwähnten kulturgeschichtlich inspirierten Methoden beeinflusst, weil ich die Zugehörigkeiten einzelner Personen nicht nur nach Faktoren wie ihrem Einkommen beschreiben kann, sondern mich fragen muss, wo sich einzelne Personen selbst zugehörig fühlen konnten - das kann ich teilweise sekundär diskursanalytisch erschließen aus Texten über Klassenverhältnisse, die aus den Herkunftsregionen der MigrantInnen stammen, was ich dann mit den Informationen überkreuze, die ich über Wohnverhältnisse, Erbschaften, Berufe, und rechtliche Stellung habe.

Hier ergeben sich wichtige Fragen, die ich bisher nicht beantworten konnte: wie gehe ich an die Frage heran, welcher Klasse wo eine Person sozialökonomisch zuzurechnen war (wo er/sie sich zurechnete lässt sich wenigstens aus der Diskursanalyse mit einiger Bestimmtheit vermuten). Was ist beispielsweise mit einem Händler aus der Vojvodina, der zahlreiche familiäre und auch Handelsbeziehungen in Südungarn hat, aber in Wien seit mindestens einer Generation sesshaft ist und sein Erbe auch hier vermacht?

Identitätsgeschichtlich kann ich diese Situation ganz gut beschreiben: es handelt sich um eine Art von Klassenidentität, die eine lange Tradition in Südosteuropa hat, mit starker überregionaler Mobilität und starker überethnischer Assimilationskraft in Verbindung mit der orthodoxen Konfession und bestimmten kulturellen Praktiken, die Ende des 19. Jahrhunderts unter starken politischen Druck der verschiedenen Nationalismen kam und sich im Laufe des Ersten Weltkrieges weitgehend auflöste. Dadurch, dass die Konfession so wichtig ist, gibt es einige Konsequenzen für die Frage, ob und wie diese Leute einem Wiener Bürgertum als zugehörig gelten konnten, die mir noch nicht ganz klar sind, die ich aber für beantwortbar halte. Spannend wäre es für mich, wie das aus einer sozio-ökonomischen Perspektive aussieht.


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