Jüdinnen und Juden (Antisemitismus)

posted by WFischer on 2007/09/13 12:01

[ Jüdinnen und Juden (Antisemitismus) ]

ZUSAMMENFASSUNG DES IMPULSREFERATS VON UND DER DISKUSSION MIT

Klaus Hödl

(Centrum für Jüdische Studien an der Universität Graz)

Merkmale eines performativen Ansatzes zur Erforschung jüdischer Geschichte

Die Göttinger Literaturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick hat 2006 eine vielbeachtete Publikation über kulturwissenschaftliche Wenden herausgegeben. Darin beschreibt sie deren beinahe schon inflationäre Zunahme, die in den linguistic, performative, translational, iconic, etc. turns zum Ausdruck kommt.
Eine Durchschau von Tagungs- und Konferenzberichten lässt erkennen, dass die sog. Wenden mehr als bloß "modische" Forschungsansätze mit kurzer Geltungsdauer darstellen. Vielmehr prägen sie die Arbeiten unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen und Bereiche nachhaltig.
Im Gegensatz dazu haben sie die Methodik in Jüdischen Studien kaum bzw. nur sehr unzureichend beeinflusst. Dies ist umso erstaunlicher, als Jüdische Studien sich seit ihrer universitären Verankerung und ihres Aufschwungs in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren gegenüber der "traditionellen" Judaistik profilieren mussten und dies vor allem mit dem Hinweis auf ihr Innovationspotential taten. Die Betonung von Interdisziplinarität sowie der Verzicht darauf, ähnlich wie die Judaistik der Hebräischausbildung und dem religiösen Textstudium einen hohen Stellenwert im Curriculum zuzuerkennen, scheinen dem Reformeifer Genüge getan zu haben.
Vor allem in Österreich sind nur wenige Arbeiten veröffentlicht worden, die eine klare kulturwissenschaftliche Ausrichtung besitzen. Eine Folge davon ist, dass Publikationen zum Wiener Judentum seit Jahrzehnten auf Grundlage eines Paradigmas verfasst werden, das in vielen anderen Disziplinen schon längst als obsolet gilt. Dabei wird von Judentum als einem religiös-kulturellen Gebilde ausgegangen, das sich in seiner Geschichte, vor allem aber seit dem 19. Jahrhundert, in einseitiger Anpassung an die nichtjüdische Umwelt befunden habe. Kultur wird als weitgehend statisch betrachtet, Geschichte als lineare Entwicklung gesehen und die Beziehung von Juden zu Nichtjuden als dichotomes Verhältnis aufgefasst.
Im Folgenden wird aufgezeigt, worin der Innovationscharakter des performative turn im Bereich der Jüdischen Studien liegen bzw. wie die performative Wende für die Erforschung der (Wiener) Juden nutzbar gemacht werden könnte. Es geht nicht darum, bisherige Forschungsarbeiten und deren Erkenntnisse als antiquiert und irrelevant zu bezeichnen. Stattdessen soll eine Herangehensweise an die Historie und Kultur der Juden umrissen werden, die den aktuellen Wissensstand erweitern und Forschungsresultate ergänzen sowie zu einer differenzierten Betrachtung einiger geschichtlicher Aspekte führen kann. In diesem Sinne handelt es sich bei den vorliegenden Ausführungen um einen theoretischen Text, der nicht auf die historische Situation der Wiener Juden eingeht, sondern eine Methodik zu deren Untersuchung vorstellt.


Merkmale des performativen Ansatzes

Performanz hat unterschiedliche Bedeutungen. Unter einem methodologischen Gesichtspunkt, der an dieser Stelle von Interesse ist, heißt performativ, dass Praktiken und Handlungsformen statt kulturellen Produkten wie Texten erforscht werden. Der zugrundeliegende Kulturbegriff ist ein dynamischer, wodurch kulturelle Bedeutung als nicht fixierbar aufgefasst wird. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass sie im Vollzug von Handlungen immer neu konstituiert wird. Falls sie - aus forschungsoperativen Gründen - "festgeschrieben" wird, müssen ihre zeitlichen und örtlichen Koordinaten, unter welchen sie produziert wird, angegeben werden.
Kulturelle Bedeutung ist somit im Fluss. Sie kann nur in Anwesenheit von mindestens zwei Handlungsteilnehmern generiert werden. Beide stehen einander gleichberechtigt gegenüber; es gibt keine Unterteilung in Akteur und (passivem) Rezipienten, sondern beide Personen/Gruppen gehen aktiv aufeinander ein und bestimmen gemeinsam kulturelle Bedeutung. Sie stehen in einem interaktionalen Verhältnis zueinander.
Anhand der erforderlichen Ko-Präsenz von Aktanten kann mit einem performativen Ansatz vor allem das Verhältnis von Juden und Nichtjuden untersucht werden. Dabei werden Praktiken, an welchen beide interaktional beteiligt sind, erforscht. Juden werden als Mitwirkende an kulturellen Prozessen gesehen, als aktiv Beteiligte, die zusammen mit Nichtjuden agieren und kulturelle Bedeutungen prägen. Juden und Nichtjuden konstituieren einander. Juden adaptieren sich unter diesem Gesichtspunkt an keine vorgegebenen Standards, sondern schaffen und bestimmen sie mit.
Ein performativer Ansatz stellt somit eine Alternative zu einer Geschichtsschreibung dar, die Prozesse der Akkulturation nachzeichnet. Unter dieser wird gewöhnlich eine weitgehend unilaterale Anpassung einer gesellschaftlichen Minderheit an den kulturellen Kontext der Majorität, im konkreten Fall der Juden an den nichtjüdischen kulturellen Bereich, verstanden. Unter dem Aspekt der Performanz wird es allerdings schwierig bis unmöglich zu benennen, woran sich das sog. Jüdische genau anpasst. Der Fokus der Untersuchung wird stattdessen auf kulturelle Konfigurationen gerichtet, die von Juden und Nichtjuden als konstitutive Teile der Gesellschaft gemeinsam gestaltet wurden. Beispiele dafür sind Aufführungen des Jargontheaters, gemeinsame Veranstaltungen u. a. m.


Kritik am performativen Ansatz

Gegen Performanz als methodische Herangehensweise werden vor allem zwei Kritikpunkte vorgebracht. Der erste Einwand lautet, dass damit Judentum dekonstruiert werde. Wenn betont werde, dass das Jüdische nur mehr in seiner aktionalen Konstituierung zum Ausdruck komme, sonst aber nicht beschreibbar sei und es in der Folge jüdische Identität außerhalb ihres performativen Ausdruckes nicht gebe, würde eine Auflösung von Judentum betrieben.
Diese Ansicht ist zumindest partiell korrekt. Auf der Grundlage eines offenen Kulturverständnisses werden allgemein kulturelle Kontexte, und nicht nur Judentum, dekonstruiert und gelten in der Folge als nicht definierbar. Dass trotzdem über Kultur gesprochen/geschrieben wird, ergibt sich aus dem Umstand, dass die Angehörigen einer Gruppe jene Werte, die für sie von eminenter Bedeutung sind, als statisch imaginieren. Andernfalls, wenn das permanente Fließen und Verfließen von kulturellen Bedeutungen bis in letzter Konsequenz anerkannt wären, gäbe es keine gefestigte Persönlichkeitsstruktur, keine Identität und keine unterschiedlichen Kulturen.
Aufgrund der Stabilsetzung von als zentral erachteten Normen sind kulturelle Gebilde, und so auch Judentum, als Konstrukte konturierbar. Das heißt nicht, dass es in der Folge keine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen geben kann. Sie haben auch als Konstrukte realitätsformierende Relevanz. Mit dem Hinweis auf ihren Konstruktionscharakter wird lediglich betont, dass sie keinen "wesenhaften Kern" besitzen. In diesem Sinne wird mit einem performativen Ansatz keine Auflösung von Judentum betrieben, sehr wohl aber dessen Essentialisierung hinterfragt.
Der zweite Kritikpunkt basiert auf der richtigen Feststellung, dass performative Akte nur beschrieben, nicht aber erzählt werden können. Der transitorische Charakter von kulturellen Bedeutungen ermögliche bloß deren Deskription zum Zeitpunkt ihrer Manifestation, nicht aber das Erstellen eines Narrativs, das auf einer Verbindung punktueller Handlungen beruhe. Dadurch, so lautet der Einwand gegen einen performativen Ansatz konkret, könne keine Geschichte der Juden verfasst werden, und Juden würden eines gewichtigen Teils ihrer Identität beraubt werden.
Diese Bedenken können mit dem Hinweis zerstreut werden, dass zwar einzelne punktuelle Akte lediglich der Beschreibung zugänglich sind, dass sie aber, beispielsweise durch Handlungswiederholungen, zu einer Reihe verbunden werden können. Die Kriterien, nach denen sie zusammengefasst werden, mögen strittig sein. Denn Praktiken können, wie erwähnt, nie in Perfektion wiederholt werden, d. h. dass jede neue Handlung, auch wenn sie die vorangegangene zu kopieren trachtet, etwas Neues ausdrückt. Dadurch unterscheiden sich die einzelnen Akte voneinander. Aber sobald es einen Konsens über die Kategorisierung der Praktiken gibt, können sie verlinkt werden. An ihnen lassen sich dann auch Tendenzen erkennen, die die Grundlage für eine Erzählung bilden.


Conclusio

Mit einem performativen Ansatz werden Juden ihrer inhärent passiven geschichtlichen Rolle enthoben. Sie werden als Mitgestalter von Gesellschaft und Kultur gesehen. Wesentlich ist, dass damit das Akkulturationsnarrativ, das in den letzten drei Dekaden die Historiographie der Juden dominiert hat, obsolet wird.


Literaturhinweise

Klaus Hödl, »From Acculturation to Interaction: A New Perspective on the History of the Jews in Fin-de-Siècle Vienna«. In: Shofar 25:2 (2007) 82-103.

Klaus Hödl, »Performative Beiträge zum Diskurs über den "effeminierten Juden"«. In: Feminisierung der Kultur? Krisen der Männlichkeit und weiblichen Avantgarden, ed. Annette Runte, Eva Werth (Würzburg 2007) 137-155.

Erika Fischer-Lichte, Jens Roselt, »Attraktion des Augenblicks - Aufführung, Performance, performativ und Performativität als theaterwissenschaftliche Begriffe«. In: Paragrana 10:1 (2001) 237-253.

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