Noch einmal: Menschenversuche

posted by NP on 2008/09/01 09:42

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In der Tat, so schnellebig ist die Zeit, daß das dankenswerterweise im voranstehenden Blog präsentierte Kompendium schon fast wieder vier Monate heraus ist, weswegen ihm noch rasch ein paar Worte hinterhergerufen seien, bevor es wieder ganz in der Vergessenheit des sog. Massenbuchmarkts versinkt:

Zu beginnen ist dabei mit dem Eingeständnis einer, allerdings kaum zu übersehenden, Untreue den eigenen Leisten gegenüber, die dem Zusammenschustern des Bandes zugrundelag: Sind doch die Menschenversuche eines der heißesten Eisen der Wissenschaftsgeschichte, das hier aus der Perspektive einiger ihrer Nachbardisziplinen (vulgo: Kulturwissenschaften) geschmiedet wird.

Allerdings führt dieser kleine kulturwissenschaftliche Unterton schon dazu, daß der Band nicht nur als haltlose Wilderei auf fremden Feldern zu lesen ist, sondern durchaus eine Akzentverschiebung mit sich bringt:  Menschenversuche sind medizinische und psychologische Unternehmen, keine Frage, und sie führen diese Fächer nicht selten an die Ränder der Ethik bis hin zu Verbrechen gegen die Menschheit. All das findet sich dokumentiert und immerhin auch um ein paar bislang kaum erschlossene Dokumente ergänzt. Aber die eine oder andere Quelle fällt doch aus dem Rahmen einer Wissenschaftsgeschichte des Menschenexperiments heraus -- sei es wenn im 18. Jahrhundert Experimentalseelenkunde wörtlich gemeint wird, wenn im 19. Kinder in Holzgestelle geschnallt werden oder wenn im 20. Jahrhundert am Neusiedler See das Paradies nachgestellt wird.

Alles in allem geht es also vielleicht viel weniger um bloße Dokumentation als um ein Argument, und zwar dasjenige, daß unser Wissen und Reden über Menschen auch in ganz alltäglichen Vollzügen von experimentellen Beobachtungshaltungen durchzogen ist -- als wären Aussagen über Mitmenschen ansonsten nicht gültig. In diesem Sinne sind auch die etwas eigentümlichen Sektionsüberschriften zu verstehen, die ja gerade nicht die wissenschaftsgeschichtlich etablierten sind, sondern zeigen sollen, wo diese eine Schnittstelle zur außerwissenschaftlichen Bereichen unterhalten. Wobei sich allerdings noch einmal vehement gegen jedwede metaphorische Adaption der Experiment-Kategorie verwehrt sei. Irgendwie ist ja jedes Leben auch ein bißchen ein Experiment -- so zu reden führt wenig weit und verwässert bloß wie unglaublich real für manche Leben Versuchsanordnungen gewesen sind.

Das führt dann zu 779 Seiten, und angesichts dieser Menge ist der vorherrschende Eindruck bei Betrachtung des ganzen dann vielleicht doch ein überraschender: Daß das alles nur ein Bruchstück ist, daß unglaublich viel weggelassen werden mußte, daß noch viel mehr überhaupt nicht bemerkt und zur Kenntnis genommen wurde. Da Buch ist mithin eine der dicksten Lücken des diesjährigen Buchmarkts.

Die größte Lücke natürlich: Ob der Fußball für Experimente taugt? Dazu bald mal wieder mehr


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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