Öffentlicher Verkehr | Public Transport - Part 11

posted by PP on 2006/08/26 01:52

[ Öffentlicher Verkehr | Public Transport ]

Wolfgang Schivelbuschs Buch "Geschichte der Eisenbahnreise" (NB: neben anderen Publikationen ist v.a. auch seine Abhandlung über "Lichtblicke" ausgesprochen lesenswert wie informativ), in dem er die im 19. jahrhundert stattfindende "Panoramatisierung der Welt" skizzierte, kann ja mittlerweile fast schon als Klassiker eingestuft werden und stellt jedenfalls bis heute eine unumgängliche Lektüre dar, will man sich mit Eisenbahn, v.a. wenn es um die in Europa geht, beschäftigen. Mit

Ralf Roth: Das Jahrhundert der Eisenbahn. Die Herrschaft über Raum und Zeit 1814-1914. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag 2005, 288 pp.
[ISBN 3-7995-0159-2; EUR 28,-]

dürfte der Rezension von Olivia van Riesen zufolge nun eine Studie zur "Mobilitätsrevolution" vorliegen, die - von der Postkutsche als Vorläufer ausgehend - jene Innovationen im Personenverkehr nachzeichnet, ohne denen ...
 

... das, was wir heute gerne latent verkürzend als "Moderne" bezeichnen, schlicht nicht möglich gewesen wäre. Überdies lässt sich an der Geschichte dieses Transportmittels hervorragend mit ablesen, welche Entwicklungen die Staaten jeweils duchliefen, welche Expansionsbestrebungen und Beschleunigungsvorstellungen es gab; auch inwieweit Industrialisierung und frühe kapitalisierbare Begrifflichkeiten von "Vernetzung" Hand in Hand gegangen sein könnten, ist mehr als nur eine Beobachtung wert. Dolf Sternberger hatte noch so hübsch den Umstand romantisiert, dass die Landschaft im Zug vor dem Fenster vorbeigezogen wurde:

Die Eisenbahn bildete die neu erfahrbare Welt der Länder und Meere selbst zum Panorama aus. Sie verband nicht bloß zuvor entfernte Orte miteinander, indem sie den überwundenen Weg von allem Widerstand, Unterschied und Abenteuer befreite, sie wendete vielmehr die Blicke der Reisenden, da das Reisen selbst so bequem und allgemein wurde, nach außen und bot ihnen die reiche Nahrung wechselnder Bilder dar, welche während der Fahrt die einzig mögliche Erfahrung ausmachten.

Van Riesen meint nun zu Roths offensichtlich sehr genau recherchiertem Buch (wobei auch hier die Perspektivik, konkret der Wechsel zwischen Großbild- und Guckkastenpanorama, auffällt):

Die Darstellung im gesamten Text erreicht ein hohes Maß an Anschaulichkeit durch das Heranziehen auch literarischer zeitgenössischer Texte. Ebenso enthält das Buch 16 Farbtafeln, von denen einige zeitgenössische Gemälde zeigen, deren Interpretation Roth mit zusätzlichem Gewinn in den Text einbaut. Die Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels erleichtern ebenfalls das Verständnis des Textes.
Insgesamt bietet Roth mit seiner Studie einen Blick auf die Geschichte des 19. Jahrhunderts durch die Linse der Eisenbahngeschichte. Unter dieser Perspektive beschreibt er sowohl die Revolution 1848 als auch die Industrialisierung und Verstädterung in Deutschland.

Heutige Klagen, die zu führen wir nicht nur hier (cf. hinsichtlich eines erweiterten Ansatzes auch Béla Ráskys diesbezügliche wie kenntnisreiche Einträge im Budapest-Weblog) ansatzlos imstande sind (und da sprechen wir noch nicht einmal ansatzweise vom nachgeradezu skandalösen "Verbindungs"aufkommen zwischen Wien und seinen östlichen Nachbarstaaten, von den Verspätungen auf diesen Strecken, dem ausgesprochen dürftigen Fahrplan, zuwenig eingesetzten Waggons und einer insgesamt unendlich scheinenden Wurschtigkeit im Umgang mit diesbezüglichen Problemlagen), sollten dann eventuell mit noch intensiverem Einsatz von Reiselektüre wie nunmehr auch Roths Habilitation überbrückbar sein.

 

 


 

Nachtrag zur Frage des Blicks und zur Faszination in der perspektivischen Doppelung:

Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.

Franz Kafka setzte dieses Notat nach dem 24. Mai 1909 in seine Oxforder Quarthefte und Max Brod befand es - mit einem seltenen Gefühl für editorisches Timing - für angemessen, damit die Herausgabe von Kafkas "Tagebüchern" beginnen zu lassen.

 

(Untenstehende Abbildung aus L’Arrivée d’un train à la gare de La Ciotat der Brüder Lumiere.)

http://www.kakanien.ac.at/static/files/30694/zug.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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