Theorie | -s - Part 2

posted by PP on 2006/07/28 02:16

[ Theorie | -s ]

Wie kaum ein anderes geschichtswissenschaftliches Unterfangen stellt die Geschichte des Denkens eine erhebliche theoretische, methodische und konzeptionelle Herausforderung dar. Egal ob als Wissenschaftsgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte oder Diskursgeschichte konkretisiert, stellt sich hier insbesondere die Frage nach dem Verhältnis des historischen Gegenstands zur gegenwärtigen Forschungspraxis. Der konstitutive Gegenwartsbezug einer Geschichte des Denkens lässt sich dabei in unterschiedlicher Weise realisieren – als Intervention in Prioritäts-, Kompetenz- oder Legitimationsstreitigkeiten zwischen einzelnen Wissenschaften im akademischen Betrieb; als versuchte Steigerung der Beweiskraft der eigenen Aussagen oder aber als Akzentuierung der Wissenschaftsgeschichte als "epistemologisches Labor".
Stephan Moebius, der an anderer Stelle bereits eine Konzeption von Soziologiegeschichte vorgelegt hat, stellt sich in seiner umfangreichen Studie zum Collège de Sociologie (1937-1939) -
Moebius, Stephan: Die Zauberlehrlinge. Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie (1937-1939). Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 2006, 552 pp.
[ISBN 3-89669-532-0; EUR 49,00,-]
- besagter Herausforderung.

hebt Timo Luks in seiner Rezension an.
 

Stephan Moebius hat eine außerordentliche Arbeit vorgelegt, die Wissen und Wissenschaft im vollen Wortsinn als soziale Praxis bestimmt. Einerseits eine Gesellschaftsgeschichte intellektueller und sozialer Konfigurationen der Zwischenkriegszeit ist seine Studie zugleich ein wichtiger Theoriebeitrag, dem sich weder Soziologie noch Gesellschaftsgeschichte verschließen sollten. Gerade diese doppelte Orientierung bietet wichtige Anschlussmöglichkeiten für eine angemessene Historisierung und analytische Durchdringung dessen, was als Moderne etikettiert werden kann. Deutlich wird dabei, dass die Geschichte moderner Gesellschaften stets die Geschichte diskursiver und sozialer Praktiken ist. Jenseits ihrer Ver- und Bearbeitung, ihrer vielschichtigen Aneignung, die stets gleichzeitig Hervorbringung, Veränderung und Fortschreibung ist, lässt sich so etwas wie die Moderne als Gegenstand der Gesellschaftsgeschichte gar nicht ausmachen. Wissenschaftliche Arbeiten und soziale Praxis des Collège de Sociologie, wie Moebius sie einer überzeugenden Analyse unterzogen hat, sind ein interessanter Teil einer Gesellschaftsgeschichte der Moderne, die zeigen können müsste, dass diese, verstanden als spezifischer Praxismodus, sich auch und vielleicht gerade in den Versuchen ihrer Überschreitung realisiert, dass sie Instrumente bereitstellt, die unterschiedliche Varianten eines "Ordnungsdenkens" ermöglichen, deren gemeinsames Merkmal der explizit moderne Modus der Durchdringung von Gesellschaften ist.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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