Erinnerung | Memory - Part 29

posted by PP on 2006/01/19 11:34

[ Erinnerung | Memory ]

Nicolas Pethes hat für H|Soz|u|Kult
Butzer, Günter; Günter, Manuela (Hg.): Kulturelles Vergessen. Medien - Rituale - Orte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004 (Formen der Erinnerung 21), 244 pp.
ISBN 3-525-35580-7; EURO 36,90
rezensiert, eine Publikation, deren wesentliches Anliegen es u.a. ist, auf die notwendigerweise stets mitzudenkende Kehrseite jener klingenden Münze, die in den Kulturwissenschaften gerne für Themen zu Erinnerung und Gedächtnis gegeben wird, hinzuweisen.
"An Ars Oblivionalis? Forget It!" Dieser Aufsatztitel von Umberto Eco aus dem Jahr 1988 impliziert ein dezidiertes Votum gegen jeden Versuch, das Vergessen zu einer Kulturtechnik zu erheben, da es als eine solche Technik noch im Akt der Löschung unweigerlich neue Spuren produziere. Ecos Ansicht prägte den Gutteil der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung der vergangenen anderthalb Jahrzehnte, und die Versuche, diesen Forschungszweig um eine Theorie des Vergessens zu bereichern, wiederholten einmütig die Absage an wirksame "Strategien des Vergessens". Dieser Konsens hat dazu geführt, dass das Konzept des "kulturellen Gedächtnisses" durchweg als Ensemble identitätsstiftender Mnemotechniken und gelingender Vollzug von Traditionsbewahrung und Kontinuitätsstiftung verstanden werden konnte.
Das Phänomen des Vergessens wurde in diesem Zusammenhang lediglich negativ definiert – als Fehlen oder Verlust der Erinnerung und Mangel an Identitätsbewusstsein. Damit fielen aktuelle Gedächtnistheorien interessanterweise hinter Nietzsches Einsicht zurück, derzufolge das Vergessen ein notwendiger, im Wortsinne lebenswichtiger, Bestandteil individueller wie kollektiver Einheiten ist. An diesen Einspruch Nietzsches gegen den Erinnerungskult bereits des 19. Jahrhunderts anzuschließen und der Theorie des kulturellen Gedächtnisses eine gleichberechtigte Theorie des kulturellen Vergessens an die Seite zu stellen ist das Ziel des vorliegenden Sammelbandes, der auf eine Tagung des Gießener Sonderforschungsbereichs "Erinnerungskulturen" vom März 2002 zurückgeht.
[...] dass die schwierige Fassbarkeit kultureller Vergessenstechniken genau die Paradoxie des Bezugs auf Gelöschtes und Verdrängtes spiegelt, belegt der vorliegende Sammelband mit Nachdruck. Sein Verdienst, die Forschung zum kulturellen Gedächtnis um den komplementären Komplex eines kulturellen Vergessens bereichert zu haben, macht deutlich, wie schnell die Kulturwissenschaften Ecos Auftrag, das Vergessen zu vergessen, vergessen sollten.

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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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