Medien | Media - Part 9

posted by PP on 2005/06/22 11:41

[ Medien | Media ]

Ohne um die jeweiligen Vorgängermedien, ihre Funktionsweise, Geschichte - und die durch sie ausgelösten Änderungen der Wahrnehmung - Bescheid zu wissen, dürfte es (ganz freundlich formuliert) ein klein wenig schwierig sein, aktuelle Medientheorie mit Mehrwert zu produzieren. Und ob man dem also vorauszusetzenden Bedürfnis bspw. in Ópusztaszer (Nähe Szeged; Dauerausstellung) nachgeht und sich das dort erhaltene Rundpanorama von 1895 ansieht (dazu ein andermal mehr!) oder die nunmehr in Wien (im WestLicht) temporär gebotene, wunderbare Schau Kaiserpanorama besucht, ist allein eine Frage der Zeiteinteilung.
 

Unter dem eigentlichen Titel aufgetaucht werden historische Stereoskopien/-grafien und auch aktuelle Arbeiten von Oliver Hangl gezeigt - in einem der letzten erhaltenen und zu diesem Zweck aufgebauten "Kaiserpanoramen" (die von August Fuhrmann betrieben wurden, den man getrost als Monopolisten der Wahrnehmung einstufen kann).

Das so genannte "Kaiserpanorama", neben Walter Benjamin auch von Franz Kafka, Franz Hessel, Egon Erwin Kisch und Siegfried Kracauer u.a. erwähnt, von Arthur Schnitzler hunderte Male aufgesucht, war einer der wesentlichen Mit-, fast schon Vorläufer des Kinos und brachte um die Jahrhundertwende die damals schon industriell organisierte Fotografie in einen systematischen und kontrollierte Verkehr.

Wie die Website von WestLicht informiert:

WestLicht präsentiert das „Kaiserpanorama“, ein raumgreifendes Betrachtungsgerät zur großangelegten Präsentation von Stereobildern. Gezeigt werden historische, teils handkolorierte Fotografien sowie die Arbeit „Picture this!“ des österreichischen Künstlers Oliver Hangl. Hangls Bilderserie verfolgt einen filmischen Ansatz und entfaltet sich um die gleichnamige, transparente Hauptfigur, kombiniert mit verschiedenen Soundtracks.
Im Kaiserpanorama können fünfzig Glas-Diapositive transportiert werden. Um die aus Holz gebaute Rotunde (Durchmesser: 3,75m, Höhe: 2,40m) können 25 Personen, bequem auf Stühlen sitzend, die Fotografien an sich vorbeiziehen lassen. Das über 100 Jahre alte Bilderkarussel stammt von Bernhard Paul, dem Gründer und Direktor des Circus Roncalli. Im deutschsprachigen Raum existieren nur noch drei Stück von diesem Kino-Vorläufer.

Walter Benjamin beschrieb, wie oben erwähnt, die Einrichtung in seiner Erzählung Kaiserpanorama (in der Sammlung Berliner Kindheit um Neunzehnhundert) näher, ich zitiere aus der Adorno-Rexroth-Fassung:

Es war ein großer Reiz der Reisebilder, die man im Kaiserpanorama fand […]. Und besonders gegen das Ende meiner Kindheit, als die Mode den Kaiserpanoramen schon den Rücken kehrte, gewöhnte man sich, im halbleeren Zimmer rundzureisen. […] Als ich zum erstenmal dort eintrat, war die Zeit der zierlichsten Veduten längst vorbei. Der Zauber aber, dessen letztes Publikum die Kinder waren, hatte nichts verloren.

Franz Kafka thematisierte anlässlich einer Dienstreise nach Friedland ebenfalls solch ein Panorama - und schon wirds noch komplexer:

Die Bilder lebendiger als im Kinematographen, weil sie dem Blick die Ruhe der Wirklichkeit lassen. Der Kinematograph gibt dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung, die Ruhe des Blicks scheint wichtiger. Glatter Boden der Kathedralen vor unserer Zunge. Warum gibt es keine Vereinigung von Kinema und Stereoskop in dieser Weise.

 

 

http://www.kakanien.ac.at/static/files/29724/kaiserpanorama.gif


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Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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