Erinnerung | Memory - Part 10

posted by PP on 2005/06/09 00:27

[ Erinnerung | Memory ]

Der Historiker Götz Aly findet in seinem heuer erschienen (S. Fischer Verlag), intensiv diskutierten Buch Hitlers Volksstaat eine durchaus einfach klingende (und zugleich sehr komplexe, jedoch nicht auf den "Alleinerklärungsanspruch" abzielende) Antwort auf eine der zentralen Fragen der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in den vergangenen sechzig Jahren:
Wie konnte ein im Nachhinein so offenkundig betrügerisches, größenwahnsinniges und verbrecherisches Unternehmen ein derart hohes, den Heutigen kaum erklärbares Maß an innenpolitischer Integration erreichen? Um zu einer überzeugenden Antwort beizutragen, betrachte ich die NS-Herrschaft aus einem Blickwinkel, der sie als Gefälligkeitsdiktatur zeigt.
Götz Aly (2002 erhielt er den Heinrich Mann, 2003 den Marion Samuel Preis), von dem es auf dieser Site einige Texte nachzulesen gibt und der auch in der Wikipedia eingetragen ist, beschreibt, wie der NS-Staat die Juden und die Bevölkerung der besetzten Gebiete ausraubte und die Beute möglichst schnell und unkompliziert den "Volksgenossen" zugute kommen ließ, um sich deren Wohlwollen zu sichern. Der private, materielle Vorteil, den die deutsche und österreichische Bevölkerung aus den Verbrechen des Nationalsozialismus zog, sei für die Treue weiter Teile der Bevölkerung zum Regime verantwortlich gewesen.

Hitler, die Gauleiter der NSDAP, ein Gutteil der Minister, Staatssekretäre und Berater agierten als klassische Stimmungspolitiker. Auf der Basis von Geben und Nehmen errichteten sie eine jederzeit mehrheitsfähige Zustimmungsdiktatur.
In der Zeit übte Michael Wildt Kritik an den Thesen Alys und diese Auseinandersetzung ist natürlich notwendig (in der Zeit wurde sie geführt, cf. auch die Besprechungen von Volker Ullrich und Adam Tooze sowie eine Antworts Alys). Sie ist auf dem entsprechend hohen Niveau zu führen, mit Sachkenntnis und Genauigkeit. Ähnliches wird sich hoffentlich bei der heutigen Buchpräsentation mit Lesung begeben:
Zeit: 9.6.2005, 20:00
Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz
Moderation: Claus Philip (Der Standard)
Nähere Infos: hier


Und das ist auch dringend notwendig, während es heute im österreichischen Nationalrat ein paar Stunden davor darum geht, einen Bundesrat von der turnusmäßigen Übernahme des Vorsitzes desselben abzuhalten (der Bürgermeister aus dem Kärntner Gurktal hatte sich dazu verstiegen, Deserteure der deutschen Wehrmacht als "Kameradenmörder" zu bezeichnen und von "Naziverfolgung" nach 1945 zu faseln, war auch in weiterer Folge bei angeblich klarem Bewusstsein bei dieser Meinung geblieben), was unter anderen Koalitionsvoraussetzungen wohl kaum nötig gewesen wäre, wobei gleichzeitig ein weiterer Bundesrat (aus demselben geistig-politischen Stall wie der ersterwähnte) inzwischen hurtig Richtung Wiederbetätigung sprintet und nach dem Zweifel an der Einrichtung der Gaskammern (die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein...) nun festhält, dass es diese zwar in Polen, nie jedoch im Dritten Reich gegeben hätte [!] (was erneut die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief) und...

Genug davon, es wird einem ausreichend schlecht. Die beiden "Volksvertreter" gehören schleunigst aus allen demokratisch-repräsentativen Instanzen entfernt (ok, da gibt es ein kleines Verfassungsproblem, aber besondere Unanständigkeit erfordert mitunter auch besondere Maßnahmen). Und dann sollten sich die Zuständigen fragen, wie es immer noch zu diesen übel riechenden Rülpsern kommen kann.


Antworten

Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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