Veranstaltungen | Events - Part 18

posted by PP on 2005/03/12 18:04

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Kurz und bündig: Am 12. März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, hysterisch von weiten Teilen der Bevölkerung begrüßt, bevor am 10. April frisch-fromm-fröhlich-frei und einvolkeinreicheinführer-artig gleich für den flugs so genannten "Anschluss" votiert wurde. Ab dann gings los Richtung industriellem Massenmord, Terror, Eroberungskrieg, Vertreibung - und die Österreicher immer mit dabei. Am 12. März 1945 kam es zur letzten größeren Bombardierung Wiens. Und weil Jubiläen gefeiert werden müssen, wenn man die PR-Bomben jahreszahltechnisch günstig fallen lassen will, überdies sowas von gar keinen Genierer mehr kennt...
... wird in Wien heute der entsprechende Gaudi-Event im Auftrag der Bundesregierung und geplant von Leuten, denen der Begriff "historisches Bewusstsein" nicht einmal eine halbe Sekunde Reflexion wert sein dürfte, durchgezogen. Am Schluss wird dann klar sein, wie schon so oft: Österreich ein Opfer, wir sind doch eh die reinsten Lamperln. Die Denkmäler/Reiterstandbilder wieder eingemauert, diesmal ganz in Plastik, Bombentreffer akustisch und farblich re-intoniert, dazu Sirenengeheul und irgendwie fragt man sich, warum wir nicht auch gleich von den Flaktürmen aus ein wenig die Stadt unter Beschuss nehmen.

Vielleicht bietet sich beim IFK-Themenabend am Mittwoch, den 16. März 2005, um 18 Uhr c.t. ein angemessener Rahmen, den Kopf und das Herz einzuschalten: László Földényi und György Jovánovics werden sich zum Thema Denkmale heute: die Herausforderung einer neuen Sprache unterhalten. Die österreichischen Lustbarkeiten werden zwar nicht den Anlass bieten (und das ist gut so!), aber sehr weit weg werden Gespräch und Diskussion nicht angesiedelt sein, denn Nachdenken über Denkmäler, Symbolisierungen, Polykontexte und -valenzen ist fast durchgängig schon als widerständig anzusehen gegenüber einer Opferkultur, die reflexionsfrei und weichgespült das Andenken der wirklichen Opfer und Anlässe untergräbt:

Die traditionelle Denkmalsbildhauerei verfolgt ein doppeltes Ziel: Zum einen möchte sie die Personen identifizieren, an die sie zu erinnern beabsichtigt, zum anderen fordert sie die BetrachterInnen auf, sich innerlich mit ihnen zu identifizieren. Im letzten Jahrhundert haben sich die Möglichkeiten der Denkmalsbildhauerei verringert. Deutlich wurde das im Anschluß an die totalitären Systeme, als sich die Identifikation als Voraussetzung der Denkmalskunst als immer problematischer erwies. László Földényi führt - am Beispiel des Denkmals für die Opfer der niedergeschlagenen ungarischen Revolution 1956 am Gemeindefriedhof Rákoskeresztúr von Budapest - ein Gespräch mit dem ungarischen Bildhauer György Jovánovics über die Möglichkeiten einer zeitgenössischen Denkmalskunst.

Hinweise zu den beiden Diskutanten ließen sich wie folgt zusammenfassen:
László Földényi ist Schriftsteller und Dozent für Komparatistik an der ELTE-Universität, Budapest, sowie IFK_Visiting Fellow. Er ist der Herausgeber der gesammelten Werke von Heinrich von Kleist in ungarischer Sprache. Neueste Bücher auf Deutsch: Das Schweißtuch der Veronika. Museumsspaziergänge, Frankfurt/M. 2001; (Hg.) Zeitgenössische Kunst aus Ungarn, München 1999; Heinrich von Kleist: Im Netz der Wörter, München 1999. György Jovánovics ist Bildhauer und Professor an der Akademie für Bildende Künste, Budapest.

Zurück zum heutigen, als staatstragend sich gebenden Event: Da kann ein wenig Gegenkultur nicht ausbleiben. Wie wärs mit intelligenter Popkultur? Aber gerne, das kann die Welt gleich haben, wie eine uns erreicht habende e-Mail für heute Abend verspricht:

Kommenden Samstag (er fällt heuer auf den 12. März 2005) wollten wir ja eigentlich nur in aller orgiastischen Ruhe das 18. CAMP WELLNESS unseres Lebens sitzclubbend und würdevoll hinter uns bringen, zumal im Old Rhiz mitten im alternativkulturell dicht bespielten Rotlichtviertel Wiens. Partykracher Drehli Robnik und DJ Super Tronic hätten wieder Musik vorgespielt, schon eher laut und so, und wir wären alle herumgesessen und hätten so geredet über dieses und jenes und zwischendurch bissi Zungenküsse gegeben, und auf einmal hätten wir gemerkt, dass wir schon seit drei Stunden mehr oder weniger tanzen, weil wir so blunzenfett sind und die Musik immer noch laut ist.
Nun ist es aber doch so, dass wir einen Wellness-bezogenen Jahrestag mitfeiern werden müssen. Nicht den Anschluss des austrofaschistischen Österreich ans nazifaschistische Deutschland, also den Jubel der Mehrheitshiesigen über den Einzug von Wehrmacht samt Hitler anno 1938, der sich am Samstag zum genau 67. Mal jährt. Nein, wir bieten im rhiz-Bunker Zuflucht vor dem Jubelhagel der Bombennacht, eh scho wissen. Im Rahmen der von Wolfgang "Konrad" Lorenz organisierten geschichtsnihilistischen Tabubruchgaudievents zum Gestankenjahr "2005 Jahre Österreich" wird der Bombenangriff der US Air Force auf Wien vom 12. März 1945 nachgestellt, mit - ja, was soll man jetzt statt Bomben und Granaten schreiben? - mit Lasern und Performance. Also, man muss gleich dazu sagen, wenn es nur darum geht, das wir "uns selbst" erfahren, wie dies Lorenz im Falter-Interview als Zielsetzung seiner "25 Peaces" formuliert hat, dann können wir das doch gleich im CAMP WELLNESS tun. Laut ist es bei uns auch. Und als Opfer können sich alle fühlen, die bspw. endlos lang vor dem Klosett anstehen müssen.
Außerdem, zumal im Zeichen ausgleichender Gedächtniswellness, können wir - also Sie - uns - also sich - im CAMP WELLNESS ausgiebig begeilen an allerärgsten Weltkriegsvisuals, so voll arge Bombenruinen, wie sie in den Jahren unmittelbar vor dem Luftnangriff auf Wien (und noch ein paar Wochen lang danach) die Deutsche Luftwaffe allerorts hinterlassen hat: von Guernica, Warschau und Rotterdam über Coventry und London bis nach Leningrad, Stalingrad, noch einmal Warschau, Antwerpen und abermals London und viele viele andere herrliche Gegenden, in denen unsere weit gereiste Großvätergeneration herumgekommen ist. "Das Schlimmste, was man machen kann, ist natürlich, dass es fad ist," sagt Lord Lorenz mit schmunzelndem Ethos. Es war ja auch immer schwer was los im Dritten Reich und den besetzten Gebieten.
Danach haben allerdings die, die Warschau und Coventry in mehr als nur "25 Pieces" gesprengt haben, Wien ja auch selber wieder aufgebaut. Deshalb nannte man sie die niemals fade, immer bummsfidele "Wiederaufbaugeneration", bevor sie dann annlässlich der Jahrtausend- und Rechtswende offiziell in "Opfergeneration" umbenannt worden ist.
Also, warum vor Lorenz´ Lichtdom frieren? Lieber sich im Camp Wellness spüren!

Geschmacklos? Wer das meint, irrt. Aberwitz 2005 findet am Heldenplatz statt. Sich dem in der angemessenen Balance von Würde und Würdelosigkeit zu entziehen ist Gebot des Abends, der Nacht, des dann jungen Morgens. Der Diskussion dazu stellen wir uns liebend gern (nur fragt uns ohnehin niemand).


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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