Erinnerung | Memory - Part 4

posted by PP on 2005/03/28 20:00

[ Erinnerung | Memory ]

Zwischendurch eine kurze Erklärung, um eines der Topics mit diversen Überlegungen zu begleiten, vielleicht auch besser zu begründen: "Kollektives Erinnern" und "kulturelles Gedächtnis" bilden elementare Voraussetzung für die Konstitution und das Funktionieren (nationaler) Ideologien und Mythologien. Dabei sind die Medien, ihre spezifischen Formatierungen und die dadurch ausgelösten Formen von "Wahrnehmung" wesentlich (etwa für die Frage, welche ethnotopischen Techniken des Betrachtens zum Einsatz kommen).
In diesen Medien, zumal in den optisch-technischen, aber auch in den textuellen (bspw. Literatur und Archivmaterialien),* sind nicht nur herrschende Ideologien und Diskurse "eingraviert", sondern auch Spuren eines "Anderen" zu finden, Hinweise auf das Bestehen von Differenzen und Alteritäten, von Konfrontationen mit dem Fremden und mitunter auch von nicht erfolgreich verarbeiteten Traumata.

Grund dafür sind Heterogenitäten der Kulturen, die bereits jeweils für sich als komplexe Vorgänge des Vergessens, Verdrängens und Wiederaufarbeitens fremder und eigener Elemente sich erweisen, umso mehr in ihren wechselseitigen Verschränkungen, Speicheraktivitäten und Konstruktionen: Es sind Vexierbilder, als Polykontexte, die kaum in simplen Binaritäten sich auflösen lassen. Entsprechend problematisch sind darauf basierende Zuweisungen wie Mitteleuropa, Zentraleuropa, Balkan, Mittelosteuropa, Ostmitteleuropa, Osteuropa, Südosteuropa … – und das nicht bloß, als die regionalen, grenzüberschreitenden und oft historisch basierten Zuweisungsmuster stets von Sichtweisen, Selektionen und Absichtserklärungen begleitet sind. Sie alle verbindet vielmehr auch der kaum verborgene Hinweis auf die nahezu unauflösliche Verflechtung differenter Bezugssysteme, damit auf die scheinbare Unmöglichkeit, einheitliche cultural patterns zu destillieren. Diese darzustellen ginge jedoch zwingend einher mit der Option, die Erinnerungsmächtigkeit kulturell kodierter Systeme zu beobachten, gleichzeitig die Wirkungskraft von als kollektiv angesetzten Gedächtnisstrukturen zu beleuchten.

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* Die Anforderung an wissenschaftliche Arbeit bestünde in diesem Bereich darin, die unterschiedlichen Kategorien und Strukturen eines künstlichen Gedächtnisses in den verschiedenen Textmerkmalen angemessen zu untersuchen, sich somit der Herausforderung eines Vergleichs der jeweils unterschiedlichen Produktion von Gedächtnis in den einzelnen Gruppen zu stellen, die verschiedenen (miteinander konkurrierenden) Herausbildungen von Traditionen, die für die Aufnahme und Weiterführung von Themen der eigenen und der anderen Geschichte relevant sind zu dekodieren.


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Senior Editor

Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball. Hgg. v. Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bohmann 2008, 237 pp.
(Weitere Informationen hier)
Transcarpathica. Germanistisches Jahrbuch Rumänien 3-4/2004-2005. Hgg. v. Andrei Corbea-Hoisie u. Alexander Rubel. Bukarest/Bucuresti: Editura Paideia 2008, 336 pp.
[Die online-Fassung meines Einleitungsbeitrags "Thesen zur Bedeutung der Medien für Erinnerungen und Kulturen in Mitteleuropa" findet sich auf Kakanien revisited (Abstract / .pdf).]
Seitenweise. Was das Buch ist. Hgg. v. Thomas Eder, Samo Kobenter u. Peter Plener. Wien: Bundespressedienst 2010, 480 pp.
(Weitere Informationen hier wie da, v.a. auch do. - und die Rezension von Ursula Reber findet sich hier [.pdf].)
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