Untergang am Donauufer

posted by Katalin Teller on 2008/09/27 11:23

[ Auf in die Bib ]

Mit Blick auf unseren Workshop zu Open Access (s. Abstracts im Editors- und Events-Blog), aber auch im Zeichen der jüngsten Debatten um die Archivierungspraktiken von Bibliotheken möchte ich hiermit eine längst fällige Rubrik zu Bibliotheksabenteuern eröffnen, um den Wandlungen des Forschungsalltags anhand diverser bibliothekarischer Erlebnisse nachzugehen.

Der russische Untergang des Abendlandes in Budapest

Noch zu Studentenzeiten meldete ich mich für eine landesweite HörerInnenkonferenz an, die damals – wie wohl auch heute noch – der Präsentation von unterschiedlichsten Forschungsinteressen von StudentInnen ein Forum bat. Ich war nämlich von einem Seminar am Lehrstuhl für Russisch fasziniert, das sich mit verschiedenen russischen Nationskonzepten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts auseinandersetzte und wo ich vom äußerst engagierten Seminarleiter die Idee nahe gelegt bekam, Spenglers Untergang des Abendlandes und Danilevskijs Russland und Europa komparatistisch unter die Lupe zu nehmen. Zum ersteren erschien 1922 ein Sammelband in Russland, in dem sich namhafte Literaten und Philosophen wie Berdjaev, Stepun oder Frank mit Spenglers Wälzer beschäftigten. Ich war mehr als glücklich, als ich dies im Katalog der Budapester Bibliothek für Fremdsprachen im Mikrofilmformat entdeckte (die Einrichtung war in Slawistenkreisen denn auch berühmt für ihr äußerst hilfsbereites Personal und die raren Schätze, die man in Sachen russische Kultur ansammeln konnte). Ich füllte den Bestellschein gewissenhaft, allerdings mit zitternden Händen aus, und wartete etwa eine halbe Stunde, als ich darüber informiert war, dass ich leider diesen Mikrofilm nicht in der Bibliothek lesen kann, weil das Lesegerät (das einzige im Haus!) kaputt ist. Tja, was tun. Die Mitarbeiterin schlug mir vor, ein interbibliothekarisches Ausleihverfahren in Gang zu setzen.

Es lag auf der Hand, in die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften zu pilgern, genauer mit der Straßenbahn 2 drei Haltestellen zurückzulegen, um diese an sich ganz einfache Aufgabe zu lösen. Nun stellte es sich aber heraus, dass ich als Studentin außer jeglichen Lesetätigkeiten im Lesesaal zu nichts Anderem berechtigt bin – eine solche Fernleihe (besser gesagt Nahleihe – s. die topografische Entfernung der beiden Bibliotheken) also für mich schlicht und einfach nicht in Frage kommt. Die Nationalbibliothek wäre noch eine andere mikrofilmische Stätte gewesen, wo man sich aber als StudentIn nur mit einem Spezialerlaubnis hätte überhaupt inskribieren können.

Ich war verzweifelt und dies musste auch ziemlich spektakulär sein, weil mir die Bibliothekarin in der akademischen Bibliothek letztendlich den Rat gab, die zuständige Stelle zwei Stockwerke höher aufzusuchen, meine traurige Geschichte vorzutragen und dort um Hilfe zu bitten. Die zuständige Mitarbeiterin, die nach wie vor eine der am meisten engagierten und gutmütigsten ist, schlug vor, diesmal von meinem Studentendasein abzusehen und mit Hilfe einer offiziellen Anfrage, die die Beschreibung der unglücklichen Situation auch beinhaltet und an die leitende Stelle der Bibliothek adressiert ist, eine Genehmigung für dieses Ausleihverfahren einzuholen. Ich raste nach Hause, um unter Tränen des Glücks und der Ohnmacht das besagte Dokument zu tippen. Als dies geschehen, raste ich wiederum in die Bibliothek mit dem teuren Gesuch – rasen ist allerdings zu viel gesagt: Die Straßenbahn 2, die eine der Touristenstraßenbahnen ist und eine wunderbare Strecke am Donauufer hinterlegt, war auch schon damals eine der langsamsten Straßenbahnen.

Zurück in der Bibliothek, den etwas feucht gewordenen Brief abgebend, erhielt ich die Information, dass ich angesichts der Dringlichkeit der Sache (die Konferenz rückte doch mit jeder Sekunde näher!) den offiziellen, mit postalischen Steinen gepflasterten Weg nicht abwarten muss (ach, was für eine Flexibilität!), sondern in etwa 3 bis 4 Tagen telefonieren soll, um zu erfahren, ob die Erlaubnis erteilt werden konnte und ob nun der Fernleihprozess eingeleitet werden kann.

So ist es dann auch passiert: Die Großzügigkeit der Bibliotheksleitung kannte keine Grenzen. Nächste Woche durfte ich also nochmals hin, um diesmal mit der Signatur des begehrten Mikrofilms in der Hand die Fern/Nahleihe zu beantragen. Ich – die waghalsige – versuchte der Bibliothekarin in Dienst einzuschärfen, dass ich mit dem Bestellschein sehr gern, um den postalischen Weg zeitlich einzusparen, höchstpersönlich in die drei Straßenbahnhaltestellen entfernte Bibliothek für Fremdsprachen hinüberrattere, aber diesmal war keine Spur von Flexibilität vorhanden. Das ganze Prozedere verlief nämlich so: Die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften verschickt einen Brief mit meiner Bestellung bzw. gnädigsten Ansuche an die Bibliothek für Fremdsprachen. Die Bibliothek für Fremdsprachen hebt den Mikrofilm aus, lässt ihn wohl ein Paar Tage für die Bearbeitung der groß angelegten Sache liegen, dann schickt sie ihn mit ihrem Kurierdienst in die Bibliothek der Akademie, wo der Gegenstand des Begehrens wiederum wohl ein Paar Tage zu Ruhe kommen muss, bevor ich postalisch von der Möglichkeit benachrichtigt werde, den Mikrofilm endlich mal in die Hände bekommen zu können. Das alles bedarf etwa zwei Wochen. Nach kurzer Kopfrechnung habe ich mich damit abgefunden – dann hätte ich noch etwa drei Tage bis zum Abgabetermin des Beitrags, in Studentenmaßstäben eine Ewigkeit.

Und wie groß war meine Freude, als ich an einem schönen Nachmittag, cca. zehn Tage nach meinen Pilgerfahrten die eigenhändig adressierte Postkarte in meinem Briefkasten fand: Das Formular beinhaltete viele Kästchen und Vermerkstellen, unter denen aber nicht diejenige angekreuzt war, die angegeben hätte, der Mikrofilm stehe mir hier und da von so und so viel Uhr zur Verfügung, sondern es informierte mich durch einen schwer leserlichen Vermerk von einer BibliothekarInhand, dass der Mikrofilm aus der Bibliothek für Fremdsprachen verschollen sei.


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