Europa | Europe - Part 9

posted by usha on 2005/11/06 09:44

[ Europa | Europe ]

Ich kann nichts Profundes über den Alltag in Mittelost- oder Südosteuropa sagen, da lebe ich nicht, da reise ich nur ab und zu und habe den Blick der Touristin, die keinen Teil hat am Alltag. Ich lebe in "Westeuropa" - Österreich und Deutschland - und in Kanada. Die Stimmung in den beiden deutschsprachigen europäischen Ländern ist schlecht.

Man bewegt sich fast täglich durch ein Jammertal an enttäuschten Erwartungen, hilflosen Situationen und ausweglosen Deadends.

Schwer zu ertragen, ist die Borniertheit und Antikreativität, die im Alltagsleben und v.a. auf Ämtern begegnet, die anscheinend alles tun, um ihre "Bürger" im selben Atemzug zu diskriminieren, an einen Ort zu fesseln und wertlos zu machen.

Banal klingt meine jüngste Erfahrung mit dem Wiener Verkehrsamt, bei dem ich einen österreichischen Führerschein beantragen musste, da ich just 6 Monate am Stück wieder hier verbringe. Um diesen zu erhalten, im Austausch gegen meinen derzeitigen kanadischen, genügte keineswegs der Nachweis, bereits einen deutschen Führerschein gehabt zu haben - den ich selbstverständlich, da ich in Deutschland keinen Hauptwohnsitz mehr habe, nicht zurückerhielt -, sondern ich wurde u.a. zu einem Arzt geschickt, der sogar bestätigen musste, dass ich psychisch nicht auffällig bin. Gottseidank hat er nicht bemerkt, mit welch angestauten Aggressionen ich inzwischen durch die Welt stapfe, dabei ungewiss gemacht, ob ich überhautp eine Berechtigung (hier oder woanders) zu sein, besitze.

Die Zwickmühle aber ist viel gewaltiger, als man meinen könnte: Denn, welche Regel auch immer, besagt, dass ein Mensch keine 2 Führerscheine besitzen darf. Die Österreicher drohten mir mit Verlust der Führerscheinberechtigung überhaupt, wenn ich den ihrigen nicht akzeptierte (wie war das mit dem lebenslangen Dokument??), Kanada hingegen macht die "Nationalität des Führerscheins" von dem Fahren eines geliehenen oder eines eigenen Autos abhängig. In einem der beiden Länder, in denen ich mich regelmäßig aufhalte, darf ich also fortan nicht mehr Auto fahren.

Das kann nicht sein, sagt der gesunde Menschenverstand, der aber niemanden der Zuständigen interessiert, die an ihren Regeln kleben, von denen sie gleichermaßen paralysiert sind sowie zur Entscheidungsmacht über Identität, Nationalität und Bewegungsfreiheit erhoben, unemotionalen, schamfreien Gebrauch machen. Die Macht, über den Aufenthaltsort und dessen Bedingungen zu entscheiden geht mit einer Gummiwand an Desinteresse für alle Besonderheiten einher. Es hätte kaum einen Unterschied gemacht, ob ich versucht hätte, ein Grimm'sches Märchen zu erzählen oder mein Dilemma zu schildern und um eine Lösung zu bitten.
Europa will immobil bleiben.

Man sollte in beiden deutschsprachigen, westeuropäischen, gemeinhin als fortschrittlich gedachten Ländern eigentlich nirgends mehr ohne Rechtsbeistand hingehen, denn selbst die eigene Vertrautheit mit den Gesetzen wird als "fachfremde" und damit nicht wirkmächtige nicht akzeptiert. Ein totaler Machtdiskurs ist am Werk.

Ich, mit meinem Fall, kann immer noch auf die gewöhnlich höhere Kreativität der Kanadier hoffen, eine Lösung zu finden. Vielleicht erweist sich aber auch hier die (naive?) Idee, dass jedes Land, das in ökonomischer, aber auch identitätsbildender Hinsicht von dem möglichst hohen Wohlbefinden seiner Bürger lebe, als illusionär.

Wenn auch noch die reine Existenz durch Gelderwerb und Arbeit, wie so häufig dieserzeit in allen Berufsgruppen und Sparten, angegriffen wird, ergibt sich das eindrucksvoll von Anne Merwe gebloggte Sittenbild.


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