Allianzen

posted by ush on 2008/11/05 10:48

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 "Wieviel Kulturwissenschaft verträgt die Philologie?" frag Wolfgang Müller-Funk in seiner jüngsten Publikation Räume in Bewegung. Die Frage ist vielleicht spät gestellt, nachdem die sog. "kulturwissenschaftliche Wende" anscheinend längst vollzogen wurde. Müller-Funk zweifelt daran, wenn er sich die Philologien, v.a. die Inlandsgermanistiken ansieht.

Dass kulturwissenschaftliches Arbeiten ebenso genau sein kann, wie philologisches Arbeiten, und dass beide Disziplinen einander zuarbeiten, ja zusammengehören und "überdacht" werden von verbindenden Ansätzen/Methoden/Theorien wie der Kulturanalyse, der Genderanalyse und der Medienforschung zeigt er exemplarisch in einer Studie über Christoph Ransmayrs Der fliegende Berg.

Gewissermaßen schreitet der Autor dabei von außen nach innen vor; er beginnt mit einer Äußerlichkeit, einem Erscheinungsbild, das allein im gedruckten Text eine Rolle spielt, mit den "fliegenden Sätzen". Mimesis spielt hier ebenso eine Rolle wie Tradition in der Anlehnung an das Versmaß des klassischen Epos: Das ungewöhnliche Druckbild sei sekundär; es bilde die Stimme als das Primäre ab.

Mit Blick auf das Hörbuch, welches hier also kein bloßes Add-on zum gedruckten Buch, sondern die Wiederherstellung der mythisch-epischen Situation des Erzählens und Hörens bildet, hat diese These Plausibilität und zugleich eine gewisse Frechhheit. Was jedoch übersprungen wird, ist die tiefgreifende Differenz zwischen beiden medialen Erscheinungsformen. Die Stimme besteht in mehr als ihrem Rhythmus, der durchaus über das Schriftbild, über Aussprachereglen und Verstöße, über Elisionen und Zeilenbrüche, die Atempausen und Betonungen nahe legen, gewissermaßen überführt werden kann in ein Schriftbild und einen Schriftraum. Gleichwohl - diese Problematik ist alt und bekannt - verlangt dies Performativität, das innere quasi laute Lesen.

Hier klafft die Differenz nachgerade auf: Der Ton, das Timbre, die spezifische Dauer der Stimme kann nicht übersetzt werden in einen Schriftraum; die Medien Stimme und Schrift funktionieren auf unterschiedliche Art und Weise.

Die Räume, mit denen der Autor sich im Folgenden beschäftigt, sind folgerichtig erzählte Räume und kontextuelle, kulturelle Räume, die größtenteils von ihren jeweiligen Medien absehen. Auf ähnliche Art bspw. wird die erzählte Landschaft Tibets mit der für Ransmayr heimischen Landschaft des Salzkammergut überblendet. Meere, Karten, Berge, Raumnahmen und die Fortbewegung wechseln zwischen symbolischer Bedeutung, geographischer Verortung und narrativen Techniken hin und her.

Die kulturwissenschaftliche Philologie ist mit Müller-Funk eine Wissenschaft des Erzählens und der grenzüberschreitenden Mimesis. Ähnlichkeiten und Verbindungen werden geknüpft, innere und äußere Welten, Kulturtechniken und Vorstellungen miteinander in Ähnlichkeits- und Entsprechungsbeziehungen gesetzt. 

Ja, die Philologie ist eine Textwissenschaft. Das interne Plädoyer für die Berücksichtigung der gegenwärtigen Multimedialität, der Erscheinungsformen von Literatur und Kultur in ganz differenten Medien - der Stimme, dem Text, der Karte, dem Bild, dem Film, dem Internet - braucht jedoch noch mehr an Achtsamkeit auf die Funktionsweisen und Eigenheiten dieser Medien. 

Noch ein Mal: Warum die Stimme? Was macht die Stimme aus, dass sie im literarischen Diskurs an Wichtigkeit gewinnt? Was bedeutet und transportiert der Tonraum im Unterschied und Vergleich zum Schriftraum? Was ist das Reden? Wer spricht mit welcher Stimme?


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Einblicke in Editor's Welt. Interessiert an Geisteswissenschaften, staunend über Medien, Tendenz zum Bizzarren, vor allem in der Literatur. Über Anregungen, Kritiken, Kommentare freuen sich Usha Reber (editor@kakanien.ac.at und János Békési (webmaster@kakanien.ac.at).
The workshop Balkan Studies - quo vadis? is held on April 25, 2009.

Venue: HS, Inst. Slawistik, AAKH / Campus
The programme is to be found here, the abstracts are available as Balkan Studies 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, and as pdf.
Ort: HS, IOG, AAKH, Spitalgasse 2, 1090 Wien
Zeit: 2. bis 4. April 2009
Veranstalter: IOG, Kk.rev
Funding: Fritz-Thyssen-Stiftung, Köln

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